– XI –

Fort: Kementa Pußta!

Ende Februar - Anfang März 1945 lag ich mit unserer Wehrmachtseinheit im Süden der Slowakei. Wir befanden uns westlich des Waag, einem Nebenfluß der Donau, der hier die Grenze zwischen der Slowakei und Ungarn bildete. Östlich des Waag, der aus dem Norden der Slowakei nach Süden in die Donau floß, lagen die russischen Truppen. Die Russen besaßen allerdings auf dem linken Ufer des Waag einen Brückenkopf. Dieser Brückenkopf war das Fort "Kementa Pußta". Wir sollten dieses Fort zurück erobern, weil dessen Beseitigung für die militärischen Planungen von außerordentlicher Bedeutung war. Es sollte in einem nächtlichen Überraschungsangriff überrumpelt und genommen werden und zwar Ende Februar 1945. Unser Regiment war mit im vordersten Einsatz. Wie es sich im Laufe des nächtlichen Sturmangriffs ergab, gelang es unserem Bataillon und davon wiederum unserer Kompagnie unter dem Feuer der Deutschen Artillerie als erste Einheit - bzw. deren Rest - das Fort zu erreichen und zu besetzen. Unter einem wahnsinnigen Feuerhagel der Russen drang unser Zug als erster und einziger deutscher Truppenteil in das russische Fort ein.

Bei diesem Sturmangriff schlug kurz vor dem Eindringen eine russische Granate wenige Meter vor mir in die Erde ein und detonierte. Während meine gesamte MG-Mannschaft (MG=Maschinengewehr), MG-Schütze 1, MG-Schütze 2 und MG-Schütze 3, die gestaffelt hinter mir stürmten, durch die Explosion dieser Granate fielen und den Tod fanden, blieb ich als ihr Truppführer völlig unverletzt. Wie ich später feststellte, hatte ich nirgends auch nur den kleinsten Kratzer, auch keinerlei Beschädigungen durch Granatsplitter an meiner Uniform. Sie war zwar vollkommen verdreckt, wie ich selber auch, durch Stürze in verschlammte russische Panzergräben, die wir in der Dunkelheit überwinden mußten. Von unserer Einheit, die das Fort erstürmt hatte, haben außer mir und noch einem Unteroffizier nur noch 5 weitere Soldaten überlebt. Wir 7 Soldaten konnten allein die ganze Nacht das Fort gegen den Versuch der Russen, es wieder in Besitz zu nehmen, halten. Erst in der Frühe des nächsten Morgens gelang es weiteren deutschen Truppen in das Fort nachzustoßen und uns zu entlasten.

Wie uns das möglich gewesen ist, weiß ich heute nicht mehr. Ich wußte es auch damals die ganze Nacht nicht, wieso es den Russen nicht gelungen ist, uns wenige deutsche Soldaten aus dem Fort wieder zurück zu drängen oder uns gar zu vernichten. Ich wußte auch nicht, warum gerade ich als Einziger von der Gewalt der Granaten-Detonation verschont blieb und nichts abbekommen habe, obgleich ich der Aufschlagstelle am nahesten war. Ich kann nur sagen, daß es Gnade war, die ich dankbar angenommen habe. Ich glaube nicht, daß ich besser war als die gefallenen Kameraden, in keiner Weise. Nur Gott kennt das Geschehen und weiß es, warum? Er entscheidet, wann unsere Stunden beendet sind. Er allein weiß Dinge und hat Pläne, von denen wir nichts und überhaupt nichts wissen.

Etwa 40 Jahre später, als ich Anfang der 80-ziger Jahre in Bonn lieben Freunden in einer großen finanziellen Bedrängnis zur Seite stand und nur ich damals in der Lage war, eine wirtschaftliche Katastrophe zu verhindern, kamen wir während einer Arbeitspause auf das vorstehend geschilderte Kriegserlebnis zu sprechen. Einer im Kreise, der Hausmeister des Gebäudes, in dem wir arbeiteten, hob nach meiner Erzählung demonstrativ die rechte Hand gegen den Himmel und sagte: "Sie durften damals nicht sterben. Gott wußte damals schon, daß Sie hier in Bonn noch eine ganz wichtige Aufgabe zu erfüllen haben, nämlich ihre Freunde zu retten. Ich mache keinen Scherz", schloß er seine Worte, "ich meine es ganz ernst, so wie ich es gesagt habe."

Nach der Eroberung des Forts Kementa Pußta durch uns 7 deutschen Soldaten und dessen Halt gegen eine russische Rückeroberung über eine ganze Nacht erklärte unser Kommandeur uns beiden Unteroffizieren, dass wir für die Verleihung der „Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz“ eingereicht würden. Aber die Verleihung haben wir nicht mehr erlebt. Vorher kam die deutsche Kapitulation. Das Ende dieses Kriegsdramas war viel wichtiger als ein Ritterkreuz. Aber drei Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft sollten noch folgen, ehe wir die Heimat wiedersahen. [¹]

[¹] Mit Hand geschrieben