NKWD
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NKWD - das war in der Sowjetunion der Name der Geheimpolizei; das war für Rußland die gleiche Einheit, wie in Deutschland die Gestapo. Sie war genau so grausam und gefürchtet, wie die Gestapo bei uns.
Ich war nach dem Ende des 2. Weltkrieges noch 3 Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Die meiste Zeit davon verbrachte ich in Armenien und zwar in einem Gefangenenlager am Rande der Hauptstadt Jerewan. Von dort aus konnte ich jeden Tag die schneebedeckte Kuppe des über 3000 Meter hohen Berges Arrarat in der Türkei bestaunen; des Berges, an dem die Arche Noa landete.
In der russischen Gefangenschaft war es in jedem Lager, in das wir verlegt wurden, üblich, daß jeder Gefangene in einem Einzelgespräch, daß der jeweilige Kommandant der NKWD in Anwesenheit eines Dolmetschers mit dem Gefangenen führte, bis zum letzten seelischen Strippties (ich finde keinen treffenderen Ausdruck dafür) ausgequetscht wurde. Bei diesen Gesprächen, die oftmals Stunden dauerten, gab es keine Tabus. Der neben dem russischen Kommandanten eingesetzte deutsche Lagerführer, K[Name.entfernt] J[Name.entfernt], ein Stabsfeldwebel, der mir später ein guter Freund und Beistand wurde, war als erster verhört worden. Er gab uns den guten Rat, nichts aus unserer Vergangenheit zu verschweigen. Die russische Geheimpolizei würde es irgendwann im Kreuzverhör anderer Gefangener doch herausbekommen. Das wäre dann für uns wesentlich schlimmer. Ich habe mich an diesen Rat gehalten.
Ich weiß nicht mehr, wie viele Stunden ich im ersten Verhör befragt worden bin. Ich erinnere mich, daß der NKWD-Offizier - wie ich später erfuhr - ein Sohn des armenischen Innenministers war, und sein Dolmetscher im Zivilberuf Professor für Germanistik an der Universität in Jerewan. Ich habe alle Fragen wahrheitsgemäß beantwortet, soweit sie mich und meine Vergangenheit betrafen. Ich habe auch gesagt, daß ich Mitglied in der NSDAP[¹] gewesen sei, das hätte ich aber als Anwärter für die Beamtenlaufbahn automatisch sein müssen, als Alternative gab es damals nur: der SA beitreten oder der SS[²], was ich auf keinen Fall wollte. Trotz stundenlangen Bemühens, meine Konzentration zu behalten, muß ich diese doch mehrfach verloren haben, am Ende war ich total abgeschlafft. Ich erinnere ich, nachdem ich wieder in meine Baracke zurückgekehrt war, nur noch daranm daß ich aufgefordert worden war, einen ausführlichen Lebenslauf und ein politisches Glaubensbekenntnis unter Aufsicht aufzuschreiben. Unterzeichnen mußte ich dieses Schreiben mit dem Namen "Karl", welcher der letzte meiner vier Vornamen "Johannes, Wilhelm, Ludwig, Karl" war. Also auch alle diese Namen hatten sie aus mir herausgequetscht.
[¹] Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
[²] Sturmabteilung oder Schutzstaffel
Am nächsten Abend wurde ich wieder in das Büro der NKWD bestellt, wo man mir eine Zigarette anbot und mir für meine Bereitschaft dankte, als Spion tätig sein zu wollen. Für mich war das wie ein Schlag ins Gesicht. Ich war vollkommen erschüttert und fand zunächst keine Worte. Dann erklärte ich, daß ich mich an eine solche Zusage inn keiner Weise erinnern könne. Mit einem triumphierenden Lächeln oder eher Grinsen legte man mir dann eine von mir mit dem Namen "Karl" unterzeichnete Erklärung vor, in der ich mich verpflichtete, mich im Lager umzuschauen und herauszubekommen, wer von den Gefangenen der SS, der Feldgendarmerie, der Gestapo usw. angehört habe und diese Meldung dann schriftlich in einen an einer bestimten Stelle des Lager aufgehängten Kasten einzuwerfen. Ich vermag heute noch nicht zu sagen, ob es meine Handschrift oder eine Fälschung war. Ich war vollkommen fertig und wußte nicht, was werden sollte. Eine Woche später wurde ich wieder zur NKWD gerufen und zur Rede gestellt, warum ich keine Meldung gemacht habe. Meine Antwort, daß ich niemand aus dem Kreise der Gesuchten kennen würde, nahm man mir nicht ab.
Ich mußte etwa 1 1/2 Jahre lang jede Woche 2 x in das NKWD-Büro kommen. Mein Vorteil war, daß ich als Schreiber des Arbeitsoffiziers, dem ich zugeordnet worden war, viel mit anderen Kriegsgefangenen Kontakt halten mußte, vor allem mit sämtlichen Brigadieren. So wurde ich zwar oft mit Repressalien bedroht, aber nie grob geschlagen, weil man dann sehr schnell im Lager gemerkt hätte, daß mit mir etwas nicht in Ordnung war. Oft versprach man mir alle möglichen Vorteile, wenn ich endlich berichten würde, gab mir Zigaretten oder zusätzliche Verpflegung. Aber ich blieb renitent. Ich fühlte, daß ich in dem armenischen Arbeitsoffizier jemand hatte, der mich schützte und seine Hand über mich hielt. Möglicherweise war der NKWD-Offizier von ihm abhängig, ich kenne die Zusammenhänge nicht. So konnte ich die Verhöre verkraften, bei aller Nervenkraft, die dabei draufging. Ich blieb aber auf mich allein gestellt, konnte mich mit niemandem aussprechen. Keiner wußte von dem anderen, wen man in dieser Hinsicht vor sich hatte und wem man vertrauen durfte. Und dieses seelische Alleinsein drohte, mich psychisch fertig zu machen. Nur der eingangs genannte Stabsfeldwebel K[Name.entfernt] J[Name.entfernt], ein gläubiger Christ, dem es wie mir erging, konnte mir aufhelfen und ich ihm. Dieser Stabsfeldwebel wurde aber als erster von der NKWD fallen gelassen und strafweise in ein anderes, schärferes Lager überführt, aus dem er erst nach einem Jahr - zwar äußerlich fast ein Skelett, aber innerlich ungebrochen - zurückkehrte.
In diesem einen Jahr, in dem ich vollständig allein war und keinen Beistand hatte, passierte folgendes:
Jeden Abend mußten die Brigadiere der einzelnen Arbeitsbrigaden nach Rückkehr ins Lager bei mir die Ergebnisse ihrer Arbeit melden, bei mir die Bescheinigungen der verschiedenen Arbeitsstellen über das Geleistete abgeben und ich trug die Ergebnisse und die erarbeiteten Prozente für jeden Kriegsgefangenen in eine Liste ein. Es war verständlich, daß anschließend immer ein privates Gespräch folgte. Nun hatten wir in unserem Lager, in dem bis dahin nur deutsche Kriegsgefangene untergebracht waren, für kurze Zeit eine ungarische Brigade aufnehmen müssen. Deren gut deutsch sprechender Brigadier, ein Oberfähnrich B[Name.entfernt], kam ebenfalls jeden Abend zu mir. Am letzten Abend bevor die Ungarn das Lager wieder verlassen sollten, kam ich mit dem Oberfähnrich in ein Abschiedsgespräch. Wir sprachen über alles Mögliche, über Gott und die Welt, wie man so sagt. In diesem Gespräch sagte B[Name.entfernt] folgende Worte, die ich nie vergessen werde: "Auch Christus wurde gekreuzigt und hat doch gesiegt." In welchem Zusammenhang diese Worte fielen, weiß ich heute nicht mehr, jedenfalls wollte er damit nicht Hitler mit Christus vergleichen.
Am Abend darauf wurde ich wieder ins NKWD-Büro gerufen. Beide, der NKWD-Offizier als auch sein Dolmetscher saßen dort mit merkwürdig ernsten Gesichtern und wollten von mir endlich einen Bericht haben. Sie wüßten genau, daß es etwas zu berichten gäbe. Ich stritt das wie üblich ab, spürte aber, daß etwas in der Luft lag. Plötzlich stieß der Offizier den fürchterlichsten Fluch aus, den es in Rußland gibt, den ich aber hier nicht wiedergeben möchte. "Du Faschist" wurde ich dann angeschrien. "Was hat B[Name.entfernt] gestern zu dir gesagt?" Ich war ganz perplex, mir war wirklich nicht bewußt, was er meinen könnte. Da stieß der Dolmetscher den Satz aus "Auch Christus wurde gekreuzigt und hat doch gesiegt". Ich wurde schneeweiß im Gesicht, war völlig fertig; weniger wegen dem, was ich gerade hören mußte, als von der Tatsache, daß mich ein "guter Kamerad" dem NKWD ausgeliefert hatte. - Am vergangenen Abend waren nur zwei andere deutsche Kriegsgefangene im gleichen Raum gewesen, zwei Kamerade, denen ich bedingungslos vertraut hatte. Ich kann mir heute noch nicht vorstellen, welcher von den beiden "Kameraden" diesen Satz, der las eine Verherrlichung Hitlers ausgelegt wurde, der NKWD gemeldet hatte. Ich wurde furchtbar fertig gemacht. Aber das war nicht das Schlimmste, in mir war inwendig etwas zerbrochen. Hinzu kam, daß ich schon lange glaubte, niemals mehr nach Hause zurückzukommen - wenn überhaupt, dann frühstens nach weiteren 10 Jahren. Ich wollte nicht mehr. Ich hatte deshalb schon lange angefangen, Essen zu verweigern. Jetzt aber wollte ich sterben. Nicht aktiv, das konnte ich als Christ nicht, aber passiv glaubte ich. Und das wollte ich ab jetzt tun. Ich lehnte ab sofort alles Essen ab. ----
Man hatte im Lager gemerkt, was mit mir vorging. Kameraden, die mir helfen wollten, hatte das Krankenrevier verständigt, das von zwei russischen Ärztinnen geleitet wurde. Von dort wurde ich beobachtet, was ich aber nicht wußte. Eines Tages, ich war schon sehr weit heruntergekommen, sagte mir ein Kamerad: "Es kommen gleich zwei Pfleger aus dem Krankenrevier, die von den Ärztinnen den Befehl haben, dich ins Revier zu holen." Ich wollte aber nicht, ich wollte sterben. Ich versuchte, mich irgendwo zu verstecken. Aber so schnell fand ich kein passendes Versteck. Man entdeckte mich sehr schnell und schaffte mich ins Revier. Dort mußte ich mich ganz ausziehen, wurde abgehorcht und dann wollten mir die Ärztinnen Blut abnehmen zur Untersuchung - und dann wußte ich nichts mehr -.
Als ich wieder zu mir kam, war mein erstes Gefühl, "was riecht es hier so nach angebratenem Fleisch"? Und dann erst kam der Schmerz.
Wie in den Gefangenenlagern in Rußland üblich, war fast alles einfach und primitiv. So war es auch in diesem Krankenrevier. Die Heizung bestand aus einem glühenden elektrischen Drahtgewirr, das in keiner Weise geschützt war. Als mir die Ärztinnen Blut abnahmen, war ich ohnmächtig geworden und auf diese glühenden Drähte gefallen. Man hatte mich auch nicht so schnell befreien können, da zwischen der Ärztin einerseits und dem elektrischen Öfchen und mir eine kleine Barriere war, über die hinweg ich der Ärztin den Arm hingehalten hatte. Zuerst war mein rechter Arm über diese Drähte gerutscht, dann blieb ich mit meiner ganzen rechten Hüfte auf der Heizung liegen.
Mehrere Wochen mußte ich im Krankenrevier bleiben, wo ich nur auf der linken Seite liegen konnte. Ich hatte sehr viel Zeit, nicht nur meine Schmerzen zu ertragen, sondern auch nachzudenken. Jeden Tag kamen der NKWD-Offizier und sein Dolmetscher an mein Krankenlager, standen am Fußende meines Bettes, sahen mich ernst an, aber sagten nie ein Wort. - Wahrscheinlich habe nicht nur ich nachgedacht, sonder auch diese beiden Armenier, die wohl doch nicht so bis in die tiefste Seele grausam waren wie die NKWD allgemein und wie bei uns die Gestapo. Ich glaube, sie haben in diesen Wochen, in denen sie immer wieder an meiner Pritsche standen, irgendwie Achtung für mich empfunden. Die Armenier sind ja im Unterschied zu den sie umgebenden Völkern, in denen überall der Islam herrscht, ein christliches Volk. In diesen Beiden muß sich wohl auch ein Gefühl von und zu Gott geregt haben. Ich habe jedenfalls in diesen Wochen wieder ins Leben zurückgefunden. Ich habe begriffen, daß auch in den schwersten Situationen Gott uns immer nahe bleibt. Ich konnte neu anfangen, keine Depressionen mehr, keine Ängste. Ich fühlte mich ganz neu in Gottes Hand.
Nach meiner Entlassung aus dem Revier ließ mich die NKWD in Ruhe. Einmal sprach mich der Dolmetscher - der Professor für Germanistik - an und sagte zu mir: "Ich dachte, du wolltest nicht mehr nach Hause sondern hier in Armenien begraben sein. Habe Geduld, du wirst nach Hause kommen." Einmal sprach mich auch der NKWD-Offizier, der Sohn des armenischen Innenministers an. Es war im Spätsommer 1947. Die Moskauer Konferenz der Siegermächte war gerade beendet worden, auf der gemäß Anregung von Molotov, dem damaligen russischen Außenminister der gemeinsame Beschluß gefaßt worden war, alle Kriegsgefangenen bis Ende 47 oder 48 - ich weiß es nicht mehr genau - nach Hause entlassen werden sollten. Der NKWD-Offizier wollte von mir wissen, was darüber im Lager geredet würde. Ich sagte, daß dieser Beschluß ins uns allen einen frohe Hoffnung geweckt hätte. "Kannst du mir darüber einen Bericht geben?" wollte er wissen. Das konnte ich mit gutem Gewissen tun und habe es dann auch gemacht.
Es war Ende Oktober 1947, als unser Lager aufgelöst und wir insgesamt verlegt werden sollten. Am Abend vor der Auflösung fand im Lager Jerewan ein letzter Appel statt. Wir standen alle in Reih und Glied angetreten, als ein Bote kam und rief: "Johannes Thiel sofort ins Büro des NKWD." Ich erschrak sehr. Was sollte das? fragte ich mich. Was hatte man mit mir vor? Sollte ich etwa doch noch bestraft werden, war vielleicht ein Befehl von höherer Stelle gekommen? Ich konnte das einfach nicht glauben.
Mit gemischten Gefühlen betrat ich das Büro der NKWD. Nur der Dolmetscher war anwesend. Der Professor für Germanistik empfing mich mit den Worten: "Setzen Sie sich" und zeigte mit der Hand auf einen Stuhl. Zum erstenmal hatte er mich mit Sie angeredet. Lange schaute er mich stumm an, ohne ein Wort zu sagen. Dann begann er ein kurzes aber prägnantes Gespräch mit mir. Der Professor faßte den Inhalt der verschiedensten Gespräche, die wir gehabt hatten, kurz zusammen. Ich empfand mich als gleichwertiger Partner und ebenbürtig behandelt. Er schloß dann mit etwa folgenden Worten: "Sie wollen gern nach Hause kommen und Sie werden es. Ich habe Sie in unseren Gesprächen als einen anständigen, aufrichtigen und geraden Charakter kennen gelernt. Ehe wir uns verabschieden habe ich noch eine Bitte an Sie". Ich antwortete, daß ich sie gern erfüllen würde, wenn mir das möglich sei. "Bleiben Sie so, wie Sie sind. Aber helfen Sie mit, daß nie wieder so etwas passiert, wie es unter Hitler geschehen ist." Ich sagte, "Das werde ich gern versprechen wenn es mir nur möglich ist." "Ich danke Ihnen, Sie können gehen".
Mit diesen abschließenden Worten des Armeniers habe ich die Erfahrung gemacht, daß auch der Russe zwar den Verrat eines Gegners, der ihm Nutzen bringt, gern annimmt und ausnutzt, aber dennoch den Verräter selbst verachtet.
So konnte ich mit großer Freude im Herzen Armenien verlassen und mich auf die baldige Heimkehr - so glaubte ich - vorbereiten. Ich war voller Dank, daß mir Gott in diesen 2 1/2 Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft so sehr zur Seite gestanden und mich bewahrt hat.
Aber es sollte noch 1/2, sehr hartes Jahr folgen.
Darüber schreibe ich unter N K W D 2.
