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Das "Eiserne Kreuz"

1. Klasse

b) ... das Kriegsgericht

Mitte des Monats Februar - noch in der Slowakei - wurde unsere Einheit vorübergehend zurückverlegt, um wieder aufgefüllt zu werden. Wir lagen nach wie vor in Stellung, aber doch in einer gewissen Entfernung von der vordersten Front, aber ebenfalls eingegraben. Nur unser Kompagniechef, ein Oberleutnant, ein ganz scharfer Nazi, hatte in einem Dorf hinter uns Quartier bezogen und zwar mitten im Dorf im größten Haus, in dem er im Keller des Hauses noch einen Bunker ausgraben ließ, in dem er sich aufhielt. So scharf er als Nazi war, so feig war er als Soldat. Er hat sich in der Zeit unseres Aufenthaltes dort nicht einmal bei uns blicken lassen.

Eines Tages kam ein Bote von unserem Kompagniechef zu mir mit einer Anzahl Karten in der Hand, die die verrücktesten Fragen (nach meinem Empfinden) enthielt. Darunter u.a. die Fragen: "Was hat der Krieg bisher von dir gefordert?"; "Was erwartet uns, wenn wir den Krieg verlieren?"; "Was erwartet uns, wenn wir den Krieg gewinnen?" u.s.w. Diese Karten sollte ich bei meinen Leuten verteilen, sie ausfüllen und dann zum Kompagniechef zurück bringen lassen.
Mich erfaßte eine ungeheure Wut. Wir befanden uns im 5. Kriegsjahr. Ich lag hier mit meinen Leuten in einer Auffangstellung für den Fall, daß den Russen ein Durchbruch gelingen sollte. Jeder meiner Leute hatte zu dem Zeitpunkt, als diese Karten gebracht wurden nur je 5 Schuß Munition. Wir warteten dringend auf Nachschub. Und nun erhielten wir statt Munition diese Karten mit den irrsinnigen Fragen. Ich hatte in dem Moment meine Selbstbeherrschung verloren. Ich für meine Person beantwortete die Fragen sofort. Z.B. die eben zitierten Fragen mit den Antworten: "meine Freiheit", dann "die Niederlage" u. "der Sieg" usw. Ich las meinen Leuten meine Antworten vor uns sagte: "Das sind meine Antworten. Füllt eure Karten aus, der Bote soll sie sofort wieder mitnehmen". Was die anderen schrieben war mir egal. Der Bote zog mit den Karten ab.

Mir wurde erst danach klar, was ich gemacht hatte. Ich hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, welche Konsequenzen meine Antworten für mich haben könnten bei meinem Kommandanten, dem 150-prozentigen Nazi. Aber die Karten waren nun unterwegs und dieser Chef würde sie mit Sicherheit so nach oben weiterleiten, denn sie kamen von den NS-Führungsoffizieren der Division. Ich weiß es nicht mehr genau. Aber ich glaube, es war noch der gleiche Abend, als ich aus dem Hauptgefechtsstand der Kompagnie (so nannte der Oberleutnant seinen Bunker im größten Haus des Dorfes) den dienstlichen Befehl erhielt, am kommenden Mittag um 12°° Uhr dort mit Stahlhelm und umgeschnallt zu erscheinen. Jetzt hatte ich mir etwas eingebrockt. Mir war zwar mulmig zu Mute, aber dennoch bedauerte ich mein Verhalten nicht. Ich war einfach zu wütend geworden. Es gab aber nun kein zurück mehr.
Am nächsten Tag machte ich mich "gestiefelt und gespornt", wie befohlen auf zum Kompaniegefechtsstand. Ich war nun nicht mehr so wütend wie am Vortag, wo mich mein gesunder Menschenverstand verlassen hatte. Ich wußte genau, was mich erwarten würde, denn ein "Held" war ich nicht und habe ich auch nie sein wollen. Ich habe aber exakt immer meine Pflicht erfüllt, deshalb galt ich eben wohl verschiedentlich als "Held". Und weil ich das auch immer getan habe, "meine Pflicht erfüllen", hatte ich mich auch so wahnsinnig aufgeregt.

Nun stand ich also wie befohlen und wartete auf das Schicksalswort meines Kompanieführers, dem Ober-Nazi. Die Tür zum Bunker in dem Haus ging auf, ich erwartete den Kommandeur und knallte die Hacken zusammen und machte die erforderliche Ehrenbezeigung. Aber es war nicht mein Kompaniechef, der auf mich zu kam, sonder der Hauptfeldwebel. Er ließ mich eine Zeit lang so stehen und schaute mich sehr ernst an. Dann wurde er plötzlich sehr verschmitzt, fing an zu grinsen, sagte "rühren". Dann nahm er mich in den Arm und sagte: "Du bist gerettet. Der Kerl wollte Dich sofort bewacht weiterleiten lassen, damit Du wegen Zersetzung der Wehrmacht vor's Kriegsgericht kommen solltest. Jetzt ist es anders gekommen, denn mit den Boten, mit denen er dich weiterleiten wollte, ist das Eiserne Kreuz 1. Klasse für dich eingetroffen".

Unser Kommandant war so ergeizig bei all seiner Feigheit, daß er mich lieber laufen ließ als darauf zu verzichten in dem "Ehrenblatt der Division" zu erscheinen, wo zu lesen sein würde: Unteroffizier Johannes Thiel in der Kompanie des Oberleutnants ......[¹] wurde wegen besonderer Tapferkeit vor dem Feinde mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet.
[¹] diese Lücke existiert tatsächlich im Original, der Name wurde sehr wahrscheinlich mit Absicht weggelassen.

So hat mich das Eiserne Kreuz 1. Klasse vor dem Kriegsgericht gerettet. Mir war damals bewußt, daß in der Armee des Generalfeldmarschals S[Name.entfernt], der auch unsere Einheit angehörte, jeder Fall von Wehrkraftzersetzung mit sofortigem standgerichtlichem Erschießen geahndet wurde.

So endete der Tag damit, daß mich mein Kommandant empfing, mir die Verleihungsurkunde vorlaß, mir das Eiserne Kreuz 1. Klasse persönlich anheftete und mir mit Handschlag gratulierte. --- Von den Karten war keine Rede mehr. Er hatte sich für "seine Ehre" entschieden, die gleichzeitig für mich die Rettung bedeutete.

Allerdings hat er in den darauf folgenden Wochen, die ich noch bei seiner Einheit verbrachte immer wieder versucht, mir gewisse "Todeskommandos" - wie er dachte - zu übertragen. Aber jedes dieser Kommandos habe ich unversehrt überstanden.

Ich habe einen wunderbaren Gott, dessen Hilfe und Fürsorge ich immer wieder erfahren habe.