– IV –

Explosion der Kleiderfabrik Sauer in Siegen
im Frühjahr 1940

Ostern 1938 verließ ich das Gymnasium in Hilchenbach und ging in die Kreisstadt Siegen, wo ich am Arbeitsamt meine Ausbildung als Inspektorenanwärter begann. Ich wohnte am Wellersberg bei einer älteren, an sich sehr lieben Dame, die sehr nett zu mir war und bei der ich auch gleichzeitig volle Verpflegung empfing. Mein Vater konnte mir neben dem Pensionsgeld nur ein sehr geringes Taschengeld bewilligen. Ich konnte mir also kaum etwas leisten. Ich las sehr gern. Aber mir irgend etwas Lesenswertes kaufen, das war nicht drin. Hinzu kam, daß meine Quartierswirtin eine komische Eigenart hatte. Sie kochte zwar ausgezeichnet. Aber um die Tischdecke zu schonen, wurde das Essen immer auf einer Zeitung serviert, die zunächst auf die Tischdecke kam, ehe das wohlschmeckende Essen daraufgesetzt wurde. Auf die Dauer gesehen, wurde ich diese komische Sitte leid. Einstellen ging nicht. Die Wirtin war darin nicht ansprechbar.

Ich entschloß mich deshalb zu einem Unterkunftswechsel. Ich wollte auch keine Vollpension mehr. Auf diese Weise gedachte ich mir ein wenig mehr freies Taschengeld zu verschaffen, mit dem ich mir hin und wieder etwas anschaffen konnte und wenn es auch nur durch Verzicht auf die eine oder andere Mahlzeit geschehen konnte.

Ich sah mir also eine Reihe von Angeboten an. Schließlich blieben nur zwei Zimmer übrig. Das eine war ein sehr schönes, freundlich eingerichtetes Zimmer im Dachgeschoß eines Hauses im Siegener Stadtviertel Hammerhütte. Das Haus, in dem es nur dieses eine Zimmer im Dachgeschoß gab, lag direkt neben der Kleiderfabrik Sauer. Das andere Zimmer lag jenseits der Bahn hinter dem Hauptbahnhof in der Freudenberger Straße. Beide Vermieter waren nette Leute. Ich neigte zu der Unterkunft neben der Kleiderfabrik, sie war heller eingerichtet als die in der Freundenberger Strasse, die ziemlich düster wirkte. Auch lag diese Unterkunft günstiger zum Arbeitsamt. Ich hatte mir Bedenkzeit bei beiden Vermietern erbeten. Warum ich trotz meiner Sympathie für die Wohnung im Stätteviertel Hammerhütte mich anders enttschied, weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls nahm ich das Zimmer in der Freundenberger Strasse.

Es war am zweiten oder dritten Tag nach meinem Einzug in das neue Quartier. Ich stand morgens an der Waschschüssel und wollte mich rasieren, als es einen lautstarken Knall gab, sodaß ich mich beim Rasieren schnitt. Für einen Moment glaubte ich, daß im Garten des Hauses, in dem ich wohnte, der nicht weit von meinem Fenster stehende, riesige Wallnußbaum umgestürzt sei. Das war aber nicht der Fall.
Was war geschehen? - Durch einen Defekt in der Gasleitung war die Kleiderfabrik Sauer in die Luft geflogen. Nur weil es früh am Morgen und noch kein großer Verkehr war, gab es bei der Explosion nur einen Toten. Ein Soldat, der früh nach einem Nachturlaub auf dem Weg in seine Kaserne war, wurde von der Explosionswelle erfaßt und gegen ein Eisengeländer der über die Sieg führenden Brücke geschleudert. Er war sofort tot. [¹]

[¹] Einem anderen Bericht zufolge kamen leider neun Personen um, neun weitere wurden schwer verletzt.

Aber von dem neben der Kleiderfabrik stehenden Haus, in dessen Dachgeschoß ich das Zimmer hatte mieten wollen, war das gesamte Dachgeschoß weggerissen und fortgeflogen. Es existierte einfach nicht mehr. Wäre ich in dies Zimmer eingezogen, so wäre ich unweigerlich mitgerissen worden und umgekommen. Ich hätte also heute diese Zeilen nicht mehr schreiben können.

Ich war damals innerlich tief erschüttert und es dauerte einige Zeit, bis mir dies ganze Geschehen wirklich begreifbar wurde. Wieder bin ich bei einer Explosion bewahrt geblieben. Wieder hat mich Jesu Hand beschützt und verhindert, daß mein Leben schon damals hätte zu Ende sein können.

Aber noch ein zweites Wunder geschah an diesem Tage. Wie ich schrieb, war das ganze Dachgeschoß weggerissen worden und existierte nicht mehr. Aber mitten auf dem kahlen, flachen, abgedeckten Haus stand ein Kinderwagen, in dem ein Baby lag und schlief. Die Wucht der Explosion, die das Dachgeschoß weggerissen hatte, hatte gleichzeitig diesen Kinderwagen aus einem schwerbeschädigten Nachbarhaus herausgerissen und ihn auf das abgedeckte Haus geschleudert, auf dem der Kinderwagen sicher landete und stehen blieb. Unverletzt konnte das Baby geborgen werden.

So geschehen im Leben immer wieder Dinge, die uns unbegreiflich sind. Oft fragen wir dann: warum mußte dieser Soldat sterben? Warum wurden dieses Baby und ich bewahrt? Die Antwort könnte nur einer geben, nämlich Gott. Wir können nur eins: danken für persönliche Bewahrung und unsere Tage sinnvoll und verantwortungsvoll weiterführen.