Der Kachelofen
Ich wurde am 26. November 1921 in Wiltschau Krs. Breslau in Schlesien geboren. Mein Vater, Friedrich Thiel, leitete als Diakon des Rauhen Hauses in Hamburg in Wiltschau eine Erziehungsanstalt für schwererziehbare Jungen. Gleichzeitig war er der Lehrer für diese Jungen. Meine Mutter, Maria Thiel, war für die Wirtschaft in der Anstalt zuständig. Im Anschluß an meine Geburt war sie längere Zeit bettlägrig krank und konnte mich deßhalb weder stillen noch mich sonst versorgen.
Während dieser Zeit wurde ich von der Schwester meiner Mutter, Frau Marta Jürgens, die in Hamburg lebte und nach Schlesien gekommen war, um meine Mutter zu unterstützen, betreut und versorgt.
Mein 1 1/2 Jahre älterer Bruder Walter hatte gegenüber dem Schlafzimmer meiner Eltern auf der anderen Flurseite ein kleineres, langgezogenes Zimmer. Sein Bett stand am Ende des Zimmers am Fenster. Jeden Morgen wurde ich von meiner Tante in diesem Zimmer, in dem ein großer Kachelofen stand, vor diesem gebadet.
Es war ja November und in dieser Zeit in Schlesien morgens meist sehr kalt. Der Kachelofen war deshalb immer angeheizt.
Eines morgens, als mich meine Tante Marta wieder wie üblich in dem Zimmer meines Bruders baden wollte, fühlte sie sich irgendwie unbehaglich, ging zu meiner Mutter und sagte: "Maria, ich weiß nicht, ich habe so ein merkwürdiges Gefühl, das mich warnt: Bade das Hänschen - so wurde ich genannt - heute nicht drüben in Walters Zimmer. Ich werde die Badewanne lieber hier im Schlafzimmer aufstellen und den Kleinen bei Dir baden." So gesagt und getan. Und noch während Tante Marta mich badete, gab es einen furchtbaren Knall im Zimmer meines Bruders. Meine Tante rannte hinüber und sah, daß der Kachelofen explodiert und zusammengestürzt war. Genau an der Stelle, an der ich üblicherweise gebadet wurde, lag nun ein riesiger Schutthaufen. Ich wäre unweigerlich - möglicherweise mit meiner Tante Marta zusammen - dort erschlagen worden.
Mein Bruder Walter, der die Explosion miterlebt hatte, hat fast zwei Tage lang kein Wort reden können sondern immer nur meinen Namen gelallt.
So habe ich bereits in den allerersten Lebenstagen eine ganz große Bewahrung - ja, ich kann ruhig sagen: ein Wunder - erlebt.
Unter den vielen Liedern, die meine Mutter mit uns Kindern abends, wenn wir zu Bett gingen, immer wieder mit uns sang, war wohl das am meisten beliebte Lied:
"Jesu, geh voran auf der Lebensbahn
und wir wollen nicht verweilen
Dir getreulich nachzueilen.
Für uns an der Hand
bis ins Vaterland."
Diese Hand Jesu, meines Erretters, hat mich mein ganzes Leben nicht mehr losgelassen.
