– XVII –

Grundstückskauf in Alfter

Im Jahre 1961 verzogen wir von Siegen nach Bonn, nachdem ich am 1. August des Jahres meine Arbeit im Bundesministerium für Vertriebe, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte aufgenommen hatte. Es war das Jahr und der Monat, in dem die DDR die bis dahin offene Grenze zwischen Ost-Berlin und Berlin-West schloß (13. August 61) und bald danach mit dem Bau der Mauer begann, die fast 30 Jahre die beiden Deutschen Staaten trennen sollte. Es waren aufregende Jahre und gerade das Bundesvertriebenenministerium, in dem ich nun arbeitete, war neben dem Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen am meisten mit den sich aus der Trennung ergebenen politischen und menschlichen Problemen und Tragödien beschäftigt.

Wir hatten zunächst eine Wohnung im Bonner Norden in der Nähe des Ministeriums und ich konnte täglich sogar zu Fuß ins Ministerium und zurück gehen. Aber wie so manch anderer Kollege, der aus den Ländern der Bundesrepublik Bonn gezogen war, wurde auch ich recht bald mit der Frage konfrontiert, ob ich für unsere Familie ein Haus erwerben solle. Hinzu kam, daß meine Frau mit ihrer Schwester in Siegen ein gemeinsames Haus besaß und es schon damals abzusehen war, daß wir wohl nicht mehr nach Siegen zurückkehren würden. Dennoch dauerte es sehr lange, bis ich zu einem Hausbau ja sagte.

1964 fanden wir in Alfter, dem Nachbarort von Bonn in erhöhter Hanglage am Vorgebirge, so wurde die Gegend genannt, ein Grundstück mit fantastischem Ausblick, wie wir es uns kaum schöner wünschen konnten. Es war Teil eines großen Obstgartens, den anderen Teil, weiter unterhalb am Hang, wollte der Bauer behalten, um dort auch weiterhin jeweils im Herbst das Obst von den Bäumen zu ernten. Er mußte dazu jedoch über unser Grundstück, deshalb wurde am Grundstücksrand eine Wegerecht für ihn eingetragen; dafür wurde der Grundstückspreis geringfügig gesenkt. Mitte November 1966 war es soweit: wir konnten unser Eigentum beziehen. Zwar noch eine Menge zu tun und im darauffolgenden Sommer begannen erst die Erdarbeiten zur Gestaltung des Gartens. Da aber Wilma, meine Frau, ein Gartennarr war und auch heute noch ist, wurde die Schufterei, die es zeitweise wirklich war, im Grunde gar nicht als solche empfunden.

Wir wohnten etwa zwei oder drei Jahre in unserem Eigenheim, dessen Baukosten die Planungen um mehr als 50% überschritten hatten. Die ersten Jahre waren für uns echte "Drangsalsjahre"[¹], aber darüber will ich hier nichts weiter berichten. Jedenfalls kam plötzlich der Bauer, der uns das Grundstück verkauft hatte, auf mich zu und fragte, ob ich nicht gewillt sei, den an der unteren Hangseite des Grundstücks verbliebenen restlichen Teil seines Gartens auch noch zu kaufen, da sich für ihn das Ernten und Abtransportieren des Obstes einfach nicht rentieren würde. Er mußte nämlich alles den Hang hinaufschleppen und das war ihm eine zu große Qual. Er wolle großzügig sein und nur den gleichen Quadratmeterpreis ansetzen, den er auch für den uns bereits verkauften Gartenteil verlangt hatte. Ich wollte nicht. Ich war mit dem Haus und dem Grundstück, so wie es war, sehr zufrieden. Ich kam inzwischen auch mit den Kosten der Abtragung zurecht und war nicht gewillt, neue zusätzliche Verpflichtungen einzugehen. Auch meine Frau und unsere Verwandten rieten uns ab. Aber der Bauer wollte das Grundstück unbedingt verkaufen, die dann unser Wegerecht benutzen würden. Was würde das für uns bedeuten? - Da wurde mir plötzlich bewußt, daß das untere Grundstück, das der Bauer beim Verkauf des oberen Gartenteils an uns hatte abtrennen und im Grundbuch als selbständiges Grundstück umtragen lassen, jetzt ja gar kein Baugrundstück mehr war und nun nur noch als landwirtschaftlich genutztes Grundstück galt; als solches konnte es nun auch nur noch verkauft werden. Nach nochmaligem verhandeln mit dem Bauern sah er das schließlich ein und akzeptierte meinen Vorschlag, der bei einem Sechstel seiner Erstforderung lag. Auch jetzt hatte ich noch große Bedenken und vor allem hielt meine Frau den Kauf für völlig überflüssig und unüberlegt, was es bei natürlichem, menschlichem Denken wohl auch war. Aber ich, der ich zum Unterschied zu meiner Frau überhaupt kein "Gartennarr" war, setzte mich dennoch durch und das Grundstück wurde gekauft. Nun hatten wir statt vorher 800 qm plötzlich ein 1.200 qm großes Grundstück.
[¹] grosse Trübsalszeit, Begriff aus Mt 24,21 und Offb 7,14

Die Neuerwerbung war außerdem völlig verwildert und mußte regelrecht wieder "urbar" gemacht werden. Da hatte ich mir wirklich etwas aufgehalst und manchmal fragte ich mich, warum ich mir das nur antun konnte. Aber meine Frau und ich überstanden auch die Zeit der "Urbarmachung", bei der auch unser heranwachsender Sohn, soweit ihm das möglich war, mithalf. Ein drei Häuser weiter wohnender Nachbar sagte mir einmal: "immer wenn ich morgens sehr früh aufwache und nicht weit entfernt eine Heckenschere klappern hörte, dann wußte ich, aha, da ist der Herr Thiel schon wieder bei der Gartenarbeit".

So gingen die Jahre dahin. Es war eine wunderschöne Zeit und wir dachten, daß wir hier in diesser herrlichen Gegend wohl unseren Lebensabend verbringen würden. Sonnenuntergänge haben wir erlebt, die man sonst eigentlich nur auf sogenannten "Kitschpostkarten" sah und dachte, so etwas gibt es ja gar nicht. Aber bei uns wurde das oft zur Wirklichkeit. Wir waren Gott für dieses Fleckchen Erde, da wir bewohnen durften, sehr dankbar.

Aber es kam ganz anders:
Gut 20 1/2 Jahre wohnten wir in Alfter, dann haben wir es verlassen. Ein junges Ehepaar in Bonn, das sich selbstständig gemacht hatte und mit dem wir sehr eng befreundet waren, kam in finanzielle Schwierigkeiten. Ich hatte bei Aufnahme der selbstständigen Tätigkeit für die jungen Leute, die ich als sehr gewissenhaft kannte bei der Bank für einen notwendigen Kredit gebürgt und die Summe war nicht gering. Durch widrige Umstände war es nun so gekommen, daß sie kurz vor dem Konkurs standen. Ich hätte als Bürge eintreten müssen. Als dies passierte, war unser Sohn bereits mit seiner Familie nach Oldenburg i.O. verzogen, wo er eine Arztpraxis übernahm. Auch unsere Tochter verließ mit ihrer Familie Bonn, weil ihr Mann aus beruflichen Gründen nach Essen ziehen mußte. Wir würden also allein im Bonner Raum bleiben. Da machte uns unser Sohn den Vorschlag: verkauft das Haus und kommt zu uns nach Oldenburg. Dort werde ich für euch ein anderes passendes Haus suchen. Besonders meiner Frau wurde der Abschied von Alfter sehr schwer. Aber wir entschlossen uns, dem Rat unseres Sohnes zu folgen.

Und was geschah nun? Unser Haus war über 20 Jahre alt. Was würden wir wohl dafür bekommen? Nach 20 Jahren gibt es schon so manchen Verschleiß. Aber zu unserer großen Überraschung und Freude wurden meine Erwartungen um ca. 140 % übertroffen. Worauf war das zurückzuführen? Zum einen auf die Steigerung der Grundstückspreise in den vergangenen Jahren, aber zum anderen durch den so günstigen Zukauf zu dem Baugrundstück, der sich im Nachhinein dadurch auszahlte, daß wir nunmehr in der Lage waren,

a)



uns im Bereich Oldenburg ein neues, für uns beide Eltern viel günstigeres und passenderes Eigenheim auszusuchen, das auch einen schönen aber viel kleineren Garten für Wilmas gärtnerische Ambitionen hatte

und was noch bedeutsamer war

b)

die Gesamtschulden unserer Freunde bei der Bank, die doppelt so hoch waren wie die übernommene Bürgschaft, abzudecken und ihnen mit einem zinslosen Darlehen zu helfen.

Außerdem waren wir hier in Oldenburg sehr wichtig für unsere Enkel, was wir sehr bald merkten. Denn unser Sohn hatte als selbstständiger Arzt für Allgemeinmedizin viel zu wenig Zeit für seine Kinder. So sprangen wir gern und sehr oft ein, wenn es brannte und das war nicht selten der Fall.

Beim Verkauf des Hauses wurde mir klar, daß ich damals das Grundstück kaufen mußte, obgleich es mir zunächst völlig widerstrebte. Gott wußte schon damals, daß wir eines Tages in die vorstehend geschilderten Schwierigkeiten kommen würden, die wir und unsere Freunde niemals allein geschafft hätten Wie wunderbar sind seine Wege. Dank IHM, daß er die Seinen so herrlich führt.