NKWD
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Das die NKWD in Rußland das war, was in Deutschland die Gestapo und dabei genau so brutal mit den Menschen umging wie die Gestapo in Deutschland, darüber habe ich bereits unter NKWD 1 geschrieben. Ich schloß dort meinen Bericht mit der Auflösung des Gefangenenlagers in Jerewan in Armenien und der damit verbundenen Hoffnung, nun nach 2 1/2 Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft in die Heimat entlassen zu werden. Aber wir hatten uns alle schwer verrechnet.
Unser Kriegsgefangenentransportzug fuhr zunächst von Jerewan, der Hauptstadt Armeniens nach Osten, Richtung Baku am Kaspischen Meer, der Hauptstadt von Aserbaidshan. Schon da wuchsen in uns die Zweifel, ob wir wirklich in die Heimat entlassen werden sollten. Unsere Zweifel sollten bald bestätigt werden. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir unterwegs waren. Jedenfalls fuhren wir von Baku aus nach Norden und über Rostow kamen wir schließlich in die Ukraine, wo wir im Donezgebiet ausgeladen wurden und uns wurde sehr schnell bewußt, daß unser neues Lager in einem Kohlerevier lag und wir zur Arbeit im Bergbau vorgesehen waren. Unsere Enttäuschung war verständlicherweise sehr groß.
Wieder begann die Durchleuchtung jedes Kriegsgefangenen im NKWD-Büro des neuen Gefangenenlagers. Hier war der NKWD-Offizier ein russischer Kapitän und, wie uns bald bewußt werden sollte, ein brutaler und von Haß auf die Deutschen durchdrungener Mensch. Als ich zur Befragung an der Reihe war, erlebte ich die gleiche Prozedur wie in Armenien. Nur wunderte ich mich, daß der Kapitän, wie mir schien, in manchen Dingen schneller voranging als der NKWD-Offizier in Jerewan. Wir waren nach meinem Empfinden ziemlich rasch am Ende der Befragung angelangt. Ich durfte gehen, hörte aber im Abgang, wie der Kapitän etwas zur Dolmetscherin, die sehr gut Deutsch sprach, sagte. Diese rief mir zu: "einen Augenblick". Ich stutzte und dachte, was ist denn nun los? Die Dolmetscherin fragte mich, ob ich wirklich alles gesagt und nichts verschwiegen habe. Ich bejate dies. Da hörte ich, wie der Kapitän zur Dolmetscherin "Karl" sagte, woraufhin diese mich ebenfalls ganz laut und deutlich mit "Karl" ansprach. Ich glaubte in dem Augenblick, die Welt müßte versinken, denn "Karl" war ja der Geheimname (der vierte meiner Vornamen), den man mir als "Spitzelname" im Kriegsgefangenenlager in Jerewan zugelegt hatte und mit dem ich die von mir gefortderten Berichte unterzeichnen sollte. Jetzt erst wurde mir klar, warum der NKWD-Offizier so relativ schnell mit meiner Befragung zu Ende gekommen war. Es mußte, ja konnte nur im Lager in Armenien eine Akte über jeden Kriegsgefangenen angelegt worden sein und aus der meinen mußte also hervorgehen, daß ich mich - wie der Kapitän denken mußte - zu Spitzeldiensten verpflichtet hätte. Ich habe schon ausgeführt, daß der NKWD-Offizier dieses Lagers brutal und voller Haß war. Das sollte ich bald zu spüren bekommen.
Ich wurde von Anfang an unter sehr harten Druck gesetzt. Man erwartete von mir schnellstens Berichte über andere Gefangene des Lagers, wobei es mir schien, daß es dem Kapitän völlig egal war, ob die Meldungen, die er erwartete, der Wahrheit entsprachen oder nicht. Ihm kam es nur darauf an, Handhaben zu bekommen, die es ihm ermöglichten, deutsche Kriegsgefangene als von ihm ermittelte Kriegsverbrecher "nach oben" melden und an die entsprechende Gefängnisse oder Sonderlager oder was weiß ich überstellen zu können. Daß wäre dann seine erfolgreiche Arbeit gewesen.
Er konnte mich nicht ohne weiteres zu Schwerstarbeit schicken, denn auch in den russischen Kriegsgefangenenlagern entschieden über die Arbeitsfähigkeit der Gefangenen nur sowjetische Ärzte. Ich war von Anfang an als "Dystrophiker" - ein Begriff, der damals von Rußland mit nach Deutschland überging und auch hier gebraucht wurde - eingestuft worden. Aufgrund der ersten schlimmsten Hungermonate in meiner Kriegsgefangenschaft, als deren Folge ich auch vorübergehend mein Gedächtnis verloren hatte, war ich in die niedrigste Gesundheitskategorie, eben als Dystrophiker eingestuft worden. Diese Einstufung, die ich erhielt, wurde in den 3 Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft - auch bei noch so strenger und genauester Untersuchung - nie geändert. Die Gesundheitsgruppen waren folgende: Kategorie I, Kategorie II, Kategorie III, Invaliden und schließlich Dystrophiker. Ich befand mich also in der untersten Gesundheitsgruppe. Das bot mir einen gewissen Schutz.
Ich wurde aber auf viel schlimmere, gemeinere und gefährlichere Art mißhandelt; man versuchte, mich psychisch fertig zu machen. Ich wurde von meiner Aufgabe als verantwortlicher Schreiber des Arbeitsoffiziers, die ich in Armenien hatte, abgelöst. Neuer Schreiber wurde ein fanatischer Antifaschist, so nannte man in den Lagern die deutschen Kriegsgefangenen, die freiwillig und bedingungslos den Befehlen der Russen folgten und zwar auch dann, wenn sie völlig unsinnig waren. Diesem Antifaschisten wurde ich als Hilfskraft unterstellt. Man konnte mich zwar nicht in eine Arbeitsbrigade unter Tage stecken oder zu einer sonstigen Außenarbeit abordnen, wie ich beantragt hatte, um den Attacken des NKWD-Offiziers zu entkommen. Dem stand eben die ärztliche Einstufung entgegen. Aber ich wurde durch Dauerarbeitsaufträge bis zum Zusammenbruch gequält. Ich erinnere mich, daß ich einmal fast eine ganze Woche durcharbeiten mußte. Nur zweimal gab man mir eine kurze Schlafpause, um mich dann wieder zur Weiterarbeit zu zwingen. Ich versuchte z.B. mich durch rauchen wach zu halten, aber beim Anzünden der Zigarette fiel mir das Streichholz auf dem Weg von der Schachtel zum Mund aus der Hand, weil ich einschlief um sofort wieder traktiert zu werden. Ich will über diese Zeit nichts weiter berichten, sondern das Entscheidende Erlebnis: Das ist meine Rettung aus dieser verfahrenen und aussichtslos erscheinenden Situation.
Nachdem ich fast ein halbes Jahr alle Schikanen überstanden hatte und mir immer wieder Ausreden eingefallen waren, setzte mir schließlich der NKWD-Kapitän eine letzte, entgültige Frist. Danach, so drohte er mir an, würde er meinen Widerstand endgültig brechen und ich würde in Sibirien landen. Das wäre dann immer noch das Beste, was er mir für meine Zukunft versprechen könne.
Ganz plötzlich mußte der Kapitän eine Reise unternehmen. Wohin er mußte, weiß ich nicht mehr, spielt für das Geschehen auch keine Rolle. Er war gerade abgereist, als sich eben so plötzlich eine Ärztekommission anmeldete, die kurzfristig eintreffen und sämtliche Kriegsgefangene untersuchen sollte mit dem Ziel, so wurde verkündet, die besonders Kranken in die Heimat zu entlassen. Würde es diesmal wirklich wahr werden? Die Erwartung war groß. Bereits am nächsten Tage traf die Ärztekommission ein. Sie bestand aus mehreren russischen Ärzten unter der Leitung eines Majorarztes. Am besagten Morgen, kurz vor Eintreffen der Kommission, rief mich die russische Lagerärztin, die dem NKWD-Kapitän gegenüber contra eingestellt war, zu sich in das Krankenrevier. Sie sagte mir: diesmal würden sämtliche Kriegsgefangene ohne Ausnahme untersucht, also auch jeder, der innerhalb des Lagers blieb und zu keiner Arbeitsbrigade zähle. Wenn aufgerufen würde, sämtliche Lagerarbeiter sollten zur Untersuchung in das Revier kommen, solle ich dem Befehl nicht folgen. Ich solle warten, bis sie mir eine persönliche Nachricht zukommen lassen würde.
So geschah es auch. Der Tag neigte sich bereits dem Ende entgegen. Am späten Nachmittag rief mich die Lagerärztin ins Krankenrevier. Als ich das Revier betrat, war nur noch der Majorarzt zugegen, der die Kommission geleitet hatte. Auch er befand sich schon im Mantel. Alle anderen Ärzte hatten bereits das Revier verlassen. Ich verstand damals recht gut russisch und erinnere mich an jedes Wort der Ärztin. Sie sagte dem Kommissionsleiter, daß ich - ich weiß nicht mehr welchen Grund sie angab - leider nicht früher hätte gerufen werden können. Aber gerade ich wäre schwer herzkrank. Ich hatte zu der Zeit besonders stark mit Wasser in den Beinen zu tun, aber herzkrank war ich auf keinen Fall. Die Ärztin riskierte also einiges. Sie sagte: beinahe wäre ich vergessen worden, aber gerade ich gehöre aufgrund meines Leidens unbedingt mit auf die Liste für den Transport. Der Majorarzt, der dringend fort wollte, gab mir auf russisch den Befehl, beide Beine frei zu machen und die Hosen so weit wie möglich hoch zu ziehen. Ich führte den Befehl sofort aus und der Major drückte mir an verschiedenen Stellen auf meine Beine, wobei es jedesal ziemlich starke Dellen gab. Der Arzt sagte zur Ärztin: "pissatsch" Ich weiß nicht, ob ich das Wort hier richtig geschrieben habe, ich weiß aber noch genau, was dieses Wort bedeutete. Dieses Wort bedeute meine Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft. Kurz gefaßt hieß dies: Schreib ihn auf die Liste der zu entlassenen Gefangenen. Mich bewegten nur die Gedanken: "hoffentlich kommen wir schnellstens aus diesem Lager. Wenn der NKWD-Kapitän vorher zurückkommt, bin ich verloren. Der läßt mich nicht weg sondern macht seine Drohung war."
Aber schon zwei Tage später wurden wir früh morgens auf einen LKW verladen und verließen das Gefangenenlager. Wir sollten über den Donez gebracht werden, wo sodann ein Transportzug mit etwa 2000 Kriegsgefangenen in Güterwagen zur Heimreise zusammengestellt würde. So erzählte man uns. Wir verließen das Lager - und im gleichen Augenblick, als wir das Lager verließen, kam ein anderer LKW ins Lager gefahren und ich erkannte darin den NKWD-Kapitän. Ich ließ mich nach unten in den Wagen fallen, um nicht gesehen zu werden. Ich wußte, daß der Kapitän alles versuchen würde, mich festzuhalten und wieder in seine Verfügungsgewalt zu bekomen. Und ich sollte Recht behalten.
Im Sammellager angekommen stellte man gerade einen Trupp von Kriegsgefangenen zusammen, die sofort in einen Güterwagen des Transportzuges gebracht werden sollten, um dort beim Einbau von Kochkesseln zu helfen, in denen während der längeren Fahrtzeit nach Deutschland für die Gefangenen gekocht werden sollte. Ich weiß nicht warum, warum es so geschah, jedenfalls griff man mich und teilte mich diesem Trupp zu. Schon war ich unterwegs zum Transportzug. Ich hätte widersprechen können, denn ich war ja Dystrophiker und brauchte nicht körperlich zu arbeiten. Warum ich es nicht tat, weiß ich nicht. Aber es sollte so sein. Erst nach Stunden kamen wir zurück und in das Sammellager hinein. Dort angekommen riefen mir die Mitkameraden aus meinem Lager zu, ich solle sofort in das NKWD-Büro des Sammellagers kommen. Es sei eine Liste mit etwa 15 Namen von Kriegsgefangenen verlesen worden, die außer mir inzwischen alle dort seien, nur ich fehle noch. Ich sagte: "Ich gehe nicht, ich gehe auf keinen Fall". Ich dachte: in der großen Menge von Gefangenen kannst du dich gut verstecken. Von den andern 14 aufgerufenen Gefangenen war noch keiner zurückgekehrt. Da konnte nur der NKWD-Kapitän meines Lagers dahinter stecken. Mich sollte er so leicht nicht finden.
Ich trotzte also dem Befehl. Bei den vielen Menschen mußte es doch leicht sein, unerkannt zu bleiben und so oder so in den Transportzug zu kommen, so dachte ich. Plötzlich mußten wir alle - gut bewacht, daß keiner entkommen konnte - vor dem großen Sammellager auf einer Seite antreten. Und dann kam ein Offizier von der Lagerverwaltung mit einer langen Liste und ein Kriegsgefangener nach dem anderen wurde aufgerufen, mußte an dem Offizier, neben dem der NKWD-Offizier stand, vorbeigehen und auf der anderen Seite sammelte sich die Menge wieder. Der NKWD-Offizier hörte also jeden Namen. Mir wurde klar: jetzt bist du verloren. Wenn dein Name aufgerufen wird und du "hier" antwortest und vorbei marschierst, wird der NKWD-Offizier rufen: "hier her, dich habe ich gesucht". Die anderen Gefangenen von der Sonderliste, die sich bereits ins NKWD-Büro begeben hatten, waren im Lager geblieben. Sollte ich nicht aufgerufen werden - vielleicht weil ich möglicherweise gar nicht mehr auf der großen Liste stand wie die anderen 14 - würde ich zum Schluß allein übrig bleiben - und das wäre dann der von der NKWD gesuchte Thiel, Hans, Friedrich, unter welchem Namen ich geführt wurde.
Nach menschlichem Ermessen war meine Situation aussichtslos. Wer konnte mir noch helfen? Was konnte ich tun? Ich konnte garnichts mehr für mich tun. Es gab keine Chance. Doch, eine gab es noch: beten! Ich konnte nur noch beten, beten und nochmals beten und das tat ich denn auch.
Ich hatte einen Kameraden neben mir, S[Name.entfernt] P[Name.entfernt], mit dem ich schon die ganze Zeit im Lager in Armenien zusammen war. Ich sagte zu ihm: "S[Name.entfernt], bete für mich". Er fragte: "warum, wieso, was soll ich beten"? Ich sagte: "ich kann nicht viel erklären, bete für mich. Bete, daß ich hier gut durchkomme". Er ahnte, worum es ging. Und er betete, wir beide beteten. Mein Name "Thiel" würde ziemlich spät dran sein. Wir hatten also viel Zeit zum Beten. Das taten wir auch beide. Es fing an, darüber dunkel zu werden. Die beiden Offiziere standen unter einer Laterne und es wurde weiter vorbeimarschiert. Ich weiß es noch wie damals: Plötzlich, als gerade der Name des Gefangenen, der vor mir dran war, genannt worden war: T[Name.entfernt], P[Name.entfernt], E[Name.entfernt], kam ein Bote aus dem Lager zu dem NKWD-Offizier und mußte etwas mit ihm bereden. Dazu trat der Offizier für einen kurzen Augenblick zurück und unterhielt sich mit dem Boten. Während "T[Name.entfernt], P[Name.entfernt], E[Name.entfernt]" marschierte, wurde mein Name aufgerufen: Thiel, Hans, Friedrich. Ich rief "hier" und marschierte. Als ich vorbei war, drehte sich der NKWD-Offizier wieder um und ich war gerettet.
Was danach noch passiert ist - ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur noch, daß ich innerlich geschüttelt wurde von einer unfaßbaren Freude, die mit der nicht so schnell verschwinden wollenden Angst kämpfte. Ich konnte nur noch Gott loben und danken. Ich vermag dieses Gefühl nicht zu beschreiben. Gott, nur ihm hatte ich diese Rettung zu verdanken. Über die Heimreise mit dem Transport habe ich nur einige wenige Erinnerungen. Das Gefühl, gerettet zu sein und ein Wunder Gottes erlebt zu haben, überdeckte alles.
Etwa drei Wochen später war ich zu Hause bei der Familie meiner Eltern. Drei Jahre war ich in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen, habe alles nur Denkbare und nicht Denkbares mitgemacht. Ich durfte nach Hause kommen. Wie viele anderen Kameraden sind in Russland geblieben. Ich bin der einzige von 5 Schulfreunden, der überlebt hat. Ich habe mich immer wieder an Gott und an Jesus Christus festgehalten. Ich habe erlebt, daß Gott Wirklichkeit ist. Seit dieser Zeit sind rund 50 Jahre vergangen. Noch heute bin ich mit meinem treuen Kameraden S[Name.entfernt] P[Name.entfernt] eng verbunden. Er lebt in der ehemaligen DDR und ihm geht es dort gut. Es geht auch allen seinen Kindern gut sowie auch seinen Enkeln. Er hat eine große Familie. Er schreibt mir immer wieder, daß es ihm gut gehe, er hat ein ausreichendes Einkommen und all den Seinen geht es gut. Er ist zufrieden und niemand von den Seinen hat bis heute über die Entwicklung dort klagen müssen. Gott segnet die, die an ihn glauben, ihn hören und ihm folgen.
Gott der Herr ist groß, der uns in seinem Sohn Jesus Christus begegnet ist und uns gerufen hat. Wenn doch alle sich ihm öffnen wollten. Das ist meine große Bitte und mein Gebet für meine Kinder und Enkel und alle, mit denen ich mich verbunden fühle und für die ich mich verantwortlich weiß. IHM unsrem HERRN sei Lob und Ehre.
.Er hat in einer menschlich aussichtslosen Situation seinen Engel in Gestalt eines Boten gesandt der meinen Verfolger ausmanövrierte.
Amen ! [¹]
[¹] Mit Hand geschrieben.
