– VIII –

Veilchen im Schnee

Dezember: Schnee und Regen rasten,
kalt fegt der Sturmwind übern Hang,
als müde von des Tages Lasten
ein Wand'rer zog die Strass' entlang.
Verklungen war des Frühlings Sagen
verloschen auch des Sommers heiße Glut.
Hoch schlug der Mann den Mantelkragen
und drückte tiefer in die Stirn den Hut.

Er dachte wohl an seine Lieben,
sein Weib, vielleicht sein Mägdelein,
die in der Fern' zurückgeblieben
und in der Heimat sind allein.
Und weiter ging mit langem Schritte
der Wanderer auf seinem harten Pfad.
Da, plötzlich hemmt er seine Tritte,
ein selten Wunder vor sein Auge trat.

Am Wegrand, aus des Grases Narbe
still lugt hervor ein Blümelein.
Es prankt in violetter Farbe
ein Veilchen dort am Wiesenrain.
Und sinned beugt der Mensch sich nieder
und zieht den Duft bedächtig ein und weit.
Ganz leis' ihm klingen Frühlingslieder,
vergessen war des Winters herbes Leid;

vergessen auch die harte Kälte,
den Sturmwind spürte er nicht mehr.
Ein Ahnen zog durch seine Seele,
als lächelnd brach das Blümlein er.
Es ward ihm kund, daß, mag auch dräuen
mit seiner eis'gen Macht der Winter heut,
das Leben stetig wächst von neuem.
Nach Winters Leid folgt wieder Lenzes Freud.

Johannes Thiel / Dez. 44

Das obige Gedicht habe ich geschrieben, als ich trotz schwerster Behinderung durch meine Verwundung im Dezember 1944 erneut und allein auf dem Weg zum Einsatz an der Front in der Slowakei war. Es war mein eigenes Erleben, das ich damals in dieser Versform festhielt. Dies Erlebnis mit dem mitten im Winter gepflückten und sogar duftenden Veilchen auf dem Wege ins mögliche Verderben hat mich damals seltsam berührt. - Das bewußte in mich Aufnehmen gerade der kleinsten Freuden hat mich späterhin immer wieder in vielen schweren Zeiten, insbesondere der russischen Kriegsgefangenschaft mit den ständig wiederkehrenden Verhörungen durch die NKWD (was bei uns die Gestapo war), gestärkt und aufgerichtet. Ich habe es gelernt: Gott findet man gerade in den kleinen und bescheidenen Erlebnissen. In ihnen spürt man seine Hand, die durch harte Leidenszeiten hindurch trägt.

Jesus Christus, an dessen Geburt und dessen Wiederkommen uns jede Advents- und Weihnachtszeit besonders erinnern will, lebt auch heute noch mitten unter uns. Wir brauchen nur die Augen offen halten, um ihn zu sehen.

Johannes Thiel [¹]

[¹] Mit Hand geschrieben