Die letzten Sekunden vor dem Tod ?
Sommer 1944 - Rumänien
Im Frühjahr 1944 hatte ich meinen letzten Heimaturlaub. Ich war durch das südliche Rußland über Odessa und durch Rumänien nach Deutschland gereist. Die Urlaubstage waren viel zu schnell vorbei und zurück ging es zur Truppe. Während meines Urlaubs jedoch hatte die russische Armee die deutsche Südfront durchbrochen. Meine Einheit, die zuvor im Brückenkopf Nikopol am Dnjepr lag, hatte sich, wie die ganze 6. Armee, zu der wir zählten, nach Westen absetzen müssen. Meine Rückreise dauerte deshalb sehr lange und erst Wochen später traf ich wieder bei meiner Einheit ein, die neue Stellungen in Bessarabien (Rumänien) bezogen hatte. Ich bekam wieder die gleichen Aufgaben, die ich vorher im Bataillonsstab des Feldersatzbataillons ausgeführt hatte.
Eines Tages war ich allein mit einem Panjefahrzeug unterwegs um Verpflegungsnachschub abzuholen. Ich fuhr durch weites, flaches und offenes Land zum Hauptverpflegungslager. Ich weiß nicht mehr den Grund, weshalb ich allein ohne Begleitung war. Vielleicht, weil es schon tagelang ziemlich ruhig an der Front geblieben war.
Plötzlich hörte ich Flugzeuggeräusche; es war eine russische Staffel von Jagdflugzeugen, die über mich hinweg brauste. Ich hatte keine Möglichkeit, auszuweichen oder Deckung zu suchen. Alles war flach und weit überschaubar. Was tun? Ich hielt mein Fahrzeug an in der Hoffnung, unentdeckt zu bleiben.
Aber ich hatte mich getäuscht; denn auf einmal drehte eines der Flugzeuge ab, machte eine große Kurve und kehrte zurück. Ich erkannte, daß es Kurs auf mein Fahrzeug nahm. Kein Schlupfloch für mich, kein Graben am Straßenrand. Mein Fahrzeug stand wie eine Zielscheibe mitten auf der Straße. Ich sagte mir, hier gibt es nur eine Chance: runter vom Fahrzeugbock und ganz flach auf den Boden. Ich sprang runter vom Wagen und mit ein paar Sätzen auf das freie Feld und platt auf den Boden. Ich hatte damit gerechnet, daß der Russe das Fahrzeug im Visier behalten und nicht bemerken würde, daß ich mich seitwärts vom Fahrzeug hingeworfen hatte.
Was nun geschah ging rasend schnell. Ich kann das garnicht in dem Tempo schildern, wie es ablief. Ehe ich das Gesicht auf den Boden preßte, erkannte ich noch, daß der Pilot mich doch entdeckt hatte und nicht mehr auf das Fahrzeug sondern auf mich zu flog und zwar schnurgerade von vorn und schon setzte das MG-Feuer ein. Ich erkannte bzw. hörte, wie die Einschläge von weitem immer näher zu mir kamen. Der Pilot hatte sich voll und ganz auf mich eingeschossen. Ich wußte: nun gibt es für mich kein ausweichen mehr; dies sind die letzten Sekunden meines Lebens. - Und dann zogen in rasender Eile die wichtigsten Ereignisse meines Lebens von der Kindheit bis zu diesem Augenblick an mir vorbei und ich dachte: jetzt ist es vorbei, jetzt fällst du nur noch in Gottes Hand. --- Ich hörte noch die MG-Garbe und den Einschlag direkt vor meinem Kopf und den nächsten Einschlag hinter meinen Füßen und einige weitere folgen. Dann war das Flugzeug vorbei und kam nicht mehr zurück. Der Russe glaubte, mich erledigt zu haben. Das war meine Rettung.
Ich blieb noch eine kurze Zeit so liegen, wie ich lag und brauchte diese Zeit auch, um zu begreifen, was geschehen war. Wieder einmal war Gottes Hand schneller als das schnellste Maschinengewehr oder als das Flugzeug. Meine Zeit war noch nicht abgelaufen. Gott wollte mir noch ein weiteres Leben schenken.
Und so kann ich heute dieses Erlebnis aufschreiben. Ich habe es also erlebt, wie es ist, wenn in kürzester Zeit das vergangene Leben an einem vorbeirollt. Damals war ich erst 22 Jahre alt. Jetzt bin ich 76 und habe ein Leben mit Höhen und Tiefen hinter mir. Aber Gott hat mich nie allein gelassen.
