Das "Eiserne Kreuz"
2. Klasse
Gefecht und Verwundung bei Pyttossi
Auszug aus meinem Kriegstagebuch:
"22. Juli 1941. Morgens um 2,00 Uhr wird die Kompanie geweckt. Als Melder muß ich beim Bataillon den Abmarschbefehl holen. Um 4,00 Abmarsch: lautet der Befehl. Wir sollen die 57. Infanterie-Division ablösen, die am Tage zuvor ziemliche Ausfälle gehabt hat. Unser erstes Marschziel müssen wir um zehn Uhr erreicht haben. Wir verlassen Tscheremoschnoje. Gegen 8,00 Uhr kommen wir in Pyttossi an. Von hier aus wird ein Spähtrupp zum 3 km entfernten Bahndamm entsandt.
Das Bataillon bleibt solange in Pyttossi. - Der Spähtrupp meldet, das er vom Bahndamm aus beschossen wurde..
Um 9,00 Uhr verließen wir Pyttossi. Unsere 1. Kompanie bildete wieder die Spitze. Auf der Höhe hinter Pyttossi erhielten wir plötzlich Feuer von russischen Panzern. Wir konnten deutlich zwei Panzer am Bahndamm entlangfahren sehen. Auch Infanterie war an einer Stelle zu erkennen. Links von uns sollte die 116. Inf.Div. eigentlich schon am Bahndamm sein. Es war aber noch nichts zu sehen. Daher war unsere linke Flanke offen. Für 11,00 Uhr war der Angriff auf den Bahndamm angesetzt. Wir hatten jedoch keine schweren Waffen bei uns, da diese nicht so flott nachkommen konnten.
Als der Angriff begann, schlug uns sofort rasendes Feuer vom Bahndamm entgegen. Trotzdem erreichten wir zunächst ohne Verluste einen Graben, in dem sich die Kompanie sammeln und wieder neu formieren konnte, um dann gemeinsam in die russische Front einzubrechen. - Dann ging es auf. Die Russen zogen sich zunächst zurück, wir schossen hinter ihnen her. Durch einen Volltreffer in die 5. Gruppe fiel der Gefreite H[Name.entfernt]. Oberschützen M[Name.entfernt] und B[Name.entfernt] wurden verwundet, M[Name.entfernt] schwer, er starb noch auf dem Transport. Wir kamen über den Bahndamm und weiter in ein kleines Gehölz dahinter. Dann wurde den Russen scheinbar bewußt, daß wir keine schweren Waffen bei uns hatten und sie starteten einen Gegenangriff von vorn und von links. Von rechts versuchten russische Panzer, uns abzuschneiden. Wir mußten schleunigst hinter den Bahndamm zurück, wenn wir nicht eingekesselt werden wollten. Auf der Höhe vor dem Bahndamm gruben wir uns ein.
Die Russen deckten uns nun mit einem wahren Hagel von Artillerie- und Panzergranaten sowie mit MG-Garben zu. Wir konnten zunächst nichts anderes tun, als liegen bleiben. Bis gegen 18,00 Uhr hatten wir drei Gefallene in unserer Kompanie, darunter Leutnant E[Name.entfernt], unseren ehemaligen Rekrutenoffizier, sowie etwa 9 Verwundete, u.a. auch Leutnant L[Name.entfernt] und Feldwebel S[Name.entfernt]. Kurz zuvor hatte Leutnant L[Name.entfernt] noch meinem Kompaniechef, Leutnant B[Name.entfernt], den er weiter vorn am Bahndamm erkannt hatte, zugerufen: "Herr B[Name.entfernt], sind sie allein?" Leutnant B[Name.entfernt] hatte geantwortet: "nein, Thiel ist auch hier, der immer bei mir ist". Der Kompanietruppführer, Feldwebel H[Name.entfernt], war vor etwa einem Monat schwer verwundet worden[¹], seitdem hatte ich dessen Aufgabe als damals Gefreiter mit übernommen. So war ich fast ständig beim Kompanieführer, sofern ich nicht als Melder tätig war.
[¹] siehe Kampf gegen die Sowjetunion
Der Russe versuchte nun links von uns in etwa Kompaniestärke über den Bahndamm vorzustoßen. Wir brauchten dringend Artillerie-Unterstützung. Ich werde deshalb mit dieser dringenden Meldung zum Bataillonsgefechtsstand gesandt. Kurz bevor ich den Battaillonsgefechtsstand erreiche - mir kam gerade ein anderer Melder entgegen - als wir beide ungefähr auf gleicher Höhe sind, schlägt eine Panzergranate zwischen uns ein. Ich spüre einen Schlag gegen den rechten Oberschenkel und stürze. Ich sehe noch, das auch der andere fällt. Er rührt sich nicht. Ein Sanitäter kommt. Ich schreie ihm zu, er solle sich zuerst um den anderen Kameraden kümmern, der mir schwerer getroffen scheint. Der andere ist jedoch schon tot, er ist an Brust, Armen und Kopf schwer getroffen worden. Ich komme mit einer, wenn auch sehr schweren Granatsplitterverletzung über dem rechten Kniegelenk davon. Der Sanitäter verbindet mich, dann muß ich noch 7 Stunden liegen bleiben, bis ich in der Nacht zurückgebracht werden kann. Ich bin mit einem dicken, russischen Mantel zugedeckt. Während ich da liege, trifft mich bei einem weiteren Granateinschlag nochmals ein Splitter, der zwar durch den Mantel dringt, aber im Uniformrock stecken bleibt.
Gegen 1,00 Uhr nachts bringen mich Sanitäter auf einer Krankentrage zum Verbandsplatz. Sie müssen unterwegs noch durch ziemlich sumpfiges Gelände. Nach einer Stunde werde ich auf einem Panjefahrzeug, das auf mich gewartet hat, bis zum Verbandsplatz weitertransportiert. Dort bleibe ich bis gegen Morgen. Dann werde ich im LKW zum Hauptverbandsplatz gebracht, wo meine Verwundung neu und fachgerecht behandelt wird. Hier bekomme ich auch eine Spritze gegen Wundstarrkrampf und endlich auch etwas zu essen.
Noch am gleichen Tage werde ich mit weiteren Verwundeten in Lastkraftwagen in Marsch gesetzt. Über Berditschew, Skitomir und Rowno werden wir nach Lublin gebracht. Unterwegs bekomme ich einen Ruhranfall mit hohem Fieber über 40 Grad und muß deshalb zunächst mehrere Wochen im Feldlazarett Lublin verbleiben. Von Lublin geht es dann weiter im Lazarettzug bis nach Wien. Im dortigen Reservelazarett V verbleibe ich bis Ende Oktober 1941 um danach zum Ersatztruppenteil in Friedberg/Hessen verlegt zu werden." - Ende des Auszugs aus d. Kriegstagebuch.
Der Panzergranatsplitter hatte über dem rechten Knie ein faustgroßes Loch gerissen. Etwa 10 cm Sehne waren futsch. Künstliche Sehnen gab es damals noch nicht, so mußte die Sehne gedehnt werden. Zweimal im Laufe der nächsten Monate brach die Wunde wieder auf. Ich erhielt den Wehrmacht-Tauglichkeitsgrad: wu, was hieß: wehrunfähig. Es ging nur um den Bruchteil eines Millimeters, daß ich mein rechtes Bein nicht verloren habe.
Im Dezember 1941 wurde mir von meiner Kompanie in Rußland das mir am 31. Oktober vom Kommandeur der 9. Inf.Division, Generalmajor F[Name.entfernt] "für meinen Mut und meine Tapferkeit an der Ostfront" verliehene Eiserne Kreuz 2. Klasse nachgesandt, desgleichen das Verwundetenabzeichen in schwarz. Außerdem wurde ich zum Unteroffizier befördert.
Natürlich war ich stolz über die Auszeichnung und die Beförderung. Aber mehr noch freute ich mich darüber, daß mir mein rechtes Bein erhalten geblieben ist. Und ich danke meinem Gott für die Bewahrung beim Einschlag der Panzergranate.
Mein Kamerad mußte den "Heldentod" - wie schal klingt das heutigen Tages - sterben, ich durfte und darf weiterleben. Es ist nicht mein Verdienst, daß ich heute mit 75 Jahren noch mit meiner Frau zusammensein und mich meiner 2 Kinder und 6 Enkel erfreuen kann.
Habe ich nicht Grund, dankbar zu sein?
