II. Weltkrieg
Kampf gegen die Sowjetunion
Frankreich war im Sommer 1940 von den deutschen Truppen besiegt und besetzt worden. Ich selbst war im Frühjahr 1940 zum Reichsarbeitsdienst und am 2. Oktober 1940 zur Wehrmacht eingezogen worden. Ich kam sofort nach Südfrankreich, wo ich in Angouleme meine Rekrutenausbildung erhielt. Im Frühjahr 1941 wurden wir nach Polen verlegt und erhielten dort in den weiten Sand- und Heideflächen bei Kielce und Sandomir unsere weitere Manöver- und Feldausbildung. Wir hatten keine Ahnung, daß wir kurz vor dem Beginn eines gigantischen Feldzuges gegen die mächtige Sowjetunion standen. Es schwirten zwar so manche "Latrinenparolen", wie wir das nannten, herum. Aber die wiesen in ganz andere Richtungen hin. Niemand hatte mit einem Angriff auf die Sowjetunion gerechnet, bis uns gegen Abend des 21. Juni 1941 ein Aufruf des "Führers" Adolf Hitler an seine Soldaten verlesen wurde, der uns den Beginn dieses "Schicksalskampfes", wie er ihn selbst bezeichnete, für den nächsten Morgen mitteilte.
Wir lagen sehr dicht an der Grenze Polen/Sowjetunion, hatten an ein Manöver geglaubt. Aber nun bezogen wir Kampfstellungen, unsere Kompagnie in einem Kornfeld vor einem Bach, der hier die Grenze bildete. Ich war Melder beim Kompanietrupp der 1. Kompagnie und wurde noch am Abend zum Bataillonsstab abkommandiert.
Bevor ich über Erlebnisse während der Kriegszeit in Russland und während der Jahre in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft im einzelnen schreibe, möchte ich hier zunächst einen Auszug aus meinem Kriegstagebuch über meinen Einsatz in Russland bringen und zwar über den ersten Tag des Feldzugs, den 22. Juni 1941.
"22. Juni 41:
Ich hatte mich um Mitternacht auf einer Bank in der Küche des Hauses, in dem der Bataillonsstab untergebracht war, ausgestreckt und versucht, nach Möglichkeit noch etwas zu schlafen.
Kurz vor 3,00 Uhr früh stand ich auf. Für 3,15 Uhr war der Beginn des Artilleriefeuers angesagt worden. Wir begaben uns zu unseren Schützenlöchern und legten uns hinein. Genau um 3,15 Uhr setzte das Artilleriefeuer ein. Es war ein Brausen und Dröhnen in der Luft. Die Granaten orgelten über uns hinweg, um drüben bei den Russen einzuschlagen. Der ganze Himmel hinter uns war ein flammendes Rot. Dann sah man drüben bei den Russen die ersten Rauch- und Feuersäulen aufsteigen. Man hörte nur noch ein einziges Rollen. Die Russen schossen nicht zurück. Die Überraschung war gelungen. Während der ersten Tage des Einmarsches war von der russischen Artillerie kaum etwas zu merken.
Gegen 3,45 Uhr erhob sich die Infanterie zum Angriff. Beim Überschreiten des Baches, der die Grenze bildete, gab es die ersten Ausfälle durch Maschinengewehrfeuer. Dann war jedoch auf weite Strecken von den Russen nichts zu sehen. Um 4,00 Uhr folgte der Bataillonsstab der Infanterie. Als Melder besaß ich ein Fahrrad. Über eine behelfsmäßige Brücke ging es über den Grenzbach, dann quer durch Wiesen und Sumpfgelände bis an einen großen Wald. Kurz bevor wir den Waldrand erreichten, kam von russischer Seite ein Flugzeug mit deutschen Hoheitszeichen im Tiefflug auf uns zu. Plötzlich der Ruf: "Fliegerangriff von links", und tatsächlich fing das Flugzeug an, uns mit Maschinengewehrfeuer zu beharken. Wir lagen sofort in Deckung und uns passierte nichts. Die Besatzung hatte überlebt und wurde gefangengenommen. Die Flack hatte gute Arbeit geleistet.
Wir kamen weiter in den Wald hinein, der wie ein Urwald wirkte, der Boden sumpfig, das Gestrüpp dicht. Mit den Fahrrädern war kaum ein Durchkommen. Schließlich wurde der Boden doch fester und nach langer Zeit erreichten wir den Ausgang des Waldes. Abgesehen von der Flugzeugbesatzung hatten wir noch keine russischen Soldaten gesehen. Am Ausgang des Waldes mußte ich mein Rad dem Oberst leihen.
Der Oberst hatte mir befohlen, auf ihn zu warten. Der Bataillonsstab ging inzwischen weiter vor. Nach etwa einer halben Stunde kam der Oberst zurück. Ich bekam mein Fahrrad wieder und mußte sehen, daß ich den Stab wieder einholte. Erneut mußte ich über sumpfige Wiesen. Nicht weit vom Waldrand entfernt wurden wir aus russischen Bunkern beschossen. Ich mußte über ein freies Gelände im Abschnitt des III. Bataillons, das vom Feinde eingesehen und mit dem MG-Feuer bestrichen wurde. Es dauerte lange, bis ich über das Feld hinüber war, da die Russen auf jeden, der sich sehen ließ, schossen. An einer Stelle mußte ich fast 20 Minuten liegen bleiben, da jedesmal, wenn ich nur den Kopf hob, eine MG-Garbe über mich henwegschwirrte. Schließlich hatte ich die Fläche geschafft und kam an einen Panzergraben. Ich mußte mit meinem Fahrrad in den Graben. Hier traf ich wieder mit den weiteren Meldern des Bataillonsstabes zusammen. Mühselig kletterten wir auf der anderen Seite wieder aus dem Graben heraus - kamen aber direkt vor einen Bunker. Schnell wieder zurück in den Graben, der voll zähem, lehmigen Schlamm war. Mit unseren Rädern quälten wir uns durch diesen Schlamm. Plötzlich blieb ich mit den Stiefeln stecken und schlug samt meinem Rade der Länge lang in den Schlamm. Als ich mich wieder herausgearbeitet hatte, war ich von den Fußspitzen bis zum Stahlhelm voller Lehm. Ein MG-Schütze mit Munitionskästen wurde so in den Brei hineingezogen, daß er sich mit dem Spaten wieder ausgraben mußte.
"Sanitäter" kam ein Ruf aus Richtung eines Bunkers. Beim Sturm auf die Bunker ist unser 1. Kompanieoffizier Leutnant W[Name.entfernt] durch einen Kopfschuß gefallen, Unteroffizier S[Name.entfernt] durch Brustschuß schwer und der Bataillonsadjutant Leutnant P[Name.entfernt] durch Armschuß leicht verwundet worden. Während sich ein Sanitäter um den schwer verwundeten Unteroffizier bemühte, richtete sich Leutnant P[Name.entfernt] etwas auf und schaute zu dem Sanitäter hinüber. In diesem Augenblick traf ihn eine Kugel, die für den Sanitäter bestimmt war und riß ihm den halben Kopf weg. Auch Unteroffizier S[Name.entfernt] starb. Der Bunker wurde gleich nach dem Heldentod der drei gestürmt, die Bunkertür gesprengt und die Besatzung - soweit sie noch lebte - gefangen genommen. Die Besatzung der Bunker waren von den sowjetischen Kommissaren eingeschlossen und ihrem Schicksal überlassen worden.
Der Bataillonsgefechtsstand wurde vorverlegt an die Hauptstrasse nach Christianopol. Die erste Kompanie war bereits weit über die Strasse vorgestoßen, als die Russen einen Gegenstoß mit Panzern unternahmen. Dadurch geriet ein ganzer Zug der 11. Kompagnie in russische Gefangenschaft. Als der Gegenstoß zurückgeworfen worden war, fand man die 32 in Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten erschossen und zum Teil gräßlich verstümmelt wieder auf.
Durch stark einsetzendes russisches Granatwerferfeuer wurde neben anderen auch unser Kompanietruppführer, Feldwebel H[Name.entfernt], verwundet. Im Lazarett mußte ihm der rechte Arm abgenommen werden.
Bis zum 2. Kampftag hatte unsere 1. Kompanie 6 Gefallene und 11 verwundete Kameraden zu verzeichnen. In der Nacht mußte ich noch zweimal als Melder losziehen, ehe ich mich bis zum Beginn der Dämmerung ausruhen konnte."
Soweit der Auszug aus meinem Kriegstagebuch.
