– IX –

Das "Eiserne Kreuz"

1. Klasse

a) ... hinter den russischen Linien

Es war Anfang Januar 1945. Trotz meiner schweren Verwundung war ich Ende 1944 vom Feldersatzbataillon wieder zur kämpfenden Truppe versetzt worden. Es wurde eben jeder Mann gebraucht. Man war inzwischen ja schon dazu übergegangen die 15- und 16-jährigen von der Schule und die 70-jährigen zum Volkssturm einzuziehen. In der Weihnachtsnacht 44 war ich bei meiner neuen Einheit eingetroffen und wurde gleich nach den Feiertagen dem neuen Frontabschnitt zugewiesen. Wir lagen in der Slowakei, im Gebiet der Karpaten. Wieder war ich bei der Infanterie eingesetzt, wo sollte ich denn auch sonst hin, ich war ja immer Infanterist gewesen. Wir lagen mit unserem Zug an einem Berghang. Untem im Tal war Niemandsland, am gegenüberliegenden Hang hatte sich der Russe eingeschanst.

Es war sehr kalt, die Temperatur lag bei ca 15 Grad minus. Die Angehörigen meines Zuges waren am Hang jeweils zu zweit oder auch einzeln in Erdlöchern eingegraben. Außer einzelnen Schießereien war es tagsüber verhältnismäßig ruhig. Nachts mußte ich öfters die einzelnen Stellungen meiner Leute aufsuchen, kontrollieren, ob alles in Ordnung war oder ob besondere Beobachtungen gemacht worden waren. Auch wurde während der Nachtzeit immer die Verpflegung nach vorn in die Stellungen gebracht, die wegen der großen Kälte oftmals gefroren war und dann meist erst unter den Mänteln am Körper aufgetaut werden mußte.

Es war in einer der ersten Nächte meines Einsatzes bei der neuen Truppe, etwa zwischen dem 10. und 15. Januar herum. Das Wetter war äußerst mies. Ständig zogen sich Nebelbänke durch das Tal, die dann ganz plötzlich aufrissen und dann jedesmal von einem ganz klaren Sternenhimmel abgelöst wurden. Ich war wie in jeder der vorausgegangenen Nächte unterwegs, um die verschiedenen Stellungen meiner Leute aufzusuchen. Ich mußte unheimlich aufpassen, damit ich mich nicht verirrte, denn einen Kompaß besaß ich nicht. Es fehlten bei der kämpfenden Truppe um diese Zeit schon so manche wichtigen Instrumente, die einfach nicht ersetzt wurden. Trotz dessen ich mich besonders konzentrierte, stellte ich zu irgendeinem Zeitpunkt fest, daß ich mich völlig verfranzt hatte. Ich war völlig ratlos, ob ich mich nach rechts, links, nach vorn oder rückwärts bewegen mußte, um wieder zurück zu finden. Ich war von dichtestem Nebel umgeben. Wo sollte ich hin? Ganz langsam bewegte ich mich vorwärts in die Richtung, in der ich unsere Stellung vermutete. Legte immer wieder Pausen ein. Plötzlich registrierte ich in einiger Entfernung hinter mir Bewegungen. Ich wollte in dem Schritt, den ich soeben machte, verharren und blieb an einer Wurzel hängen. Im gleichen Augenblick hörte ich hinter mir den russischen Ausruf "stotta koi?" - auf deutsch "halt, wer da", und schon hörte ich, wie die russischen Soldaten die Sicherungsflügel herumrissen, auf mich feuerten, während ich mich im gleichen Augenblick fallen ließ. Aber gleichzeitig war folgendes geschehen: Noch während des Anrufes der Russen riß die Nebelwand auseinander und strahlender Himmel wurde sichtbar, sodaß die Russen mitbekamen, wie ich, als sie die Gewehr- und Maschinenpistolensalve auf mich abfeuerten, zu Boden stürzte und liegen blieb. Einen kurzen Moment später hatte sich die Nebelwand wieder geschlossen. Ich sprang sofort auf und raste, soweit mir das in diesem Nebel möglich war, in die Richtung, in die ich mich vorher bewegt hatte, weiter. Dann warf ich mich hinter einem Strauch nieder, um zu verschnaufen und auf weitere Bewegungen zu horchen.

Lange geschah nichts. Ich lag und wartete. Der Nebel blieb jetzt für längere Zeit. Entweder hatten die Russen angenommen, ich sei tot oder, sie sagten sich, wenn er entkommen sein sollte, warten wir lieber den Morgen ab, dann werden wir ihn sicher aufspüren.

Ich wußte jetzt, daß ich mich hinter die russischen Linien verirrt hatte und mich durch die Flucht von der russischen Streife weg noch weiter in das russische Hinterland begeben hatte. Was sollte ich anstellen? Wie sollte ich den Rückweg planen? Das ging nur, wenn ich erneut die russische Linie passierte. Aber wie und an welcher Stelle? Dazu hielt der Nebel nun schon längere Zeit an. Wenn ich es nicht auf irgendeine Weise schaffe noch in dieser Nacht zurück zu meiner Truppe zu kommen, dann müßte ich hier ein Versteck finden, in dem ich einen ganzen Tag bleiben konnte ohne entdeckt zu werden. Aber wie sollte ich so ein Versteck finden bei diesem Nebel? Und wie wollte ich bei minus 15 Grad einen vollen Tag - vielleicht in einem Gebüsch - zubringen ohne zu erfrieren. Ich hatte nur einen ganz normalen Militärmantel an, keine zusätzliche Wattejacke oder sonst etwas, um den Frost abzuhalten. Solchen "Luxus" gab es damals schon gar nicht mehr. Oder sollte ich mich, um wenigstens zu überleben, etwa den Russen ergeben und in russische Kriegsgefangenschaft gehen? Wahrscheinlich würden sie mich gar nicht gefangen nehmen sondern sofort erschießen als Rache dafür, daß einige auf deutscher Seite stationierte Scharfschützen in den vergangenen Tagen mehrere Russen erschossen hatten? - Nein, ich hatte nur eine Chance - ich mußte noch in der Nacht auf die deutsche Seite zurück.

Dann geschah es, daß der Nebel plötzlich wieder aufriß und nach kürzester Zeit ganz verschwand. Meine Augen hatten sich bei dem nun sternklaren Himmel bald an die Dunkelheit gewöhnt. Ich war lange als Melder ausgebildet und eingesetzt gewesen und hatte vor meiner schweren Verwundung zuletzt den Kompanietrupp geführt. Das half mir nun weiter. Aus verschiedenen Gewehrsalven in beide Richtungen sowie aus Leuchtkugeln, die hin und wieder abgeschossen wurden und das Terrain erhellten, legte ich mir einen Plan zurecht. Ich begann zunächst zu robben, dann zu kriechen oder von Fall zu Fall auch eine kürzere Strecke gebückt zu gehen. Ich kann jetzt nicht den ganzen Rückweg schildern, das würde zuweit führen. Jedenfalls konnte ich auf dem Rückweg verschiedene entscheidene Beobachtungen machen die für unsere Truppenführung von äußester Bedeutung waren. - Noch einmal ein sehr kritischer Moment, als ich ein Stück links von mir plötzlich eine Packstellung sah, die von zwei Russen bewacht wurde. Ich ging geistesgegenwärtig auf sie zu, so, als sei ich ein russischer Melder, der zu ihnen kommen wollte. Die Täuschung gelang, sie ließen die Gewehrläufe wieder runter. Plötzlich, als mich ein paar Bäume vorübergehend schützten, änderte ich die Richtung und rannte. Ich rannte um mein Leben, denn es dauerte nicht lange, bis die beiden Russen gemerkt hatten, daß ich sie getäuscht hatte. Ich danke Gott, daß mich bei diesem Wagnis, daß ich einfach eingehen mußte, keine russische Kugel erreicht hat und ich nicht stolperte.

Und dann wurde ich plötzlich von vorn angerufen "halt wer da" und ich konnte mit der Parole antworten. Ich hatte es geschafft und erfuhr von dem Soldaten, daß ich auch noch durch ein deutsches Minenfeld unbeschadet gekommen war.

Bei der Truppe angekommen erfuhr ich, daß man im Licht der Leuchtkugeln mitbekommen hatte, wie ich hinter der russischen Linie im Feuer einer russischen Maschinengewehrsalve zusammengebrochen und liegen geblieben war. Da gerade ein Melder zum Bataillon aufbrach, nahm er die Meldung mit: "Unteroffizier Thiel gefallen"! Gott sei Dank, dies konnte der nächste Bote wieder aufheben.

Über das Geschehen dieser Nacht wurde ich eingehend vernommen und mußte ausführlich berichten. Mein Bericht wurde an den Stab weitergegeben und enthielt, wie ich später erfuhr, für weitere Maßnahmen wertvolle Erkenntnisse.

Aufgrund der Tatsache, daß es mir gelungen war, mich aus dieser aussichtslos erscheinenden Situation wieder zur Truppe durchzuschlagen und dies, obgleich ich erst wenige Tage im Einsatz war, sowie aufgrund des von mir abgegebenen Berichtes wurde ich zur Verleihung des Eisernen Kreuzes I. Klasse vorgeschlagen.

Unter welchen Voraussetzungen mir das Eiserne Kreuz I. Klasse schließlich verliehen wurde, berichte ich in einem besonderen Abschnitt.

Dieses nächtliche Ereignis, das sich über etwa 5 Stunden erstreckte, war für mich kein Spaziergang. Ich erlebte in diesen Stunden so viele Momente, die mich zu tiefstem Nachdenken brachten. Ich konnte nur eines tun: Gott danken, daß die Nacht so und nicht anders geendet hat. Ich habe ihm gedankt.