Bin da, wer noch?!
Wenn ich meine Kindheitsfotos anschaue, dann bin ich mir sicher, dass ich einen schönen Start ins Leben hatte – Ich war ein richtiger Strahlemann! Mein Vater tuckelte als Allgemeinmediziner mit seinem roten VW-Bus durch die Gegend, während meine Mutter uns Kinder betreute und auch mal aus einem Geburtstag ein richtiges Indianerevent mit einem Tipi samt Ausrüstung machte. Zuerst gab es meine beiden grossen Brüder, gefolgt von meiner Schwester. Ich bin der Jüngste. Meine Familie ist immer gerne gereist, die typischen Zielorte waren Schweden und Korsika. In unserer Strasse waren wir drei Jungs im gleichen Alter, gleich nebenan dann noch ein Mädchen. Wir waren schon eine tolle Truppe.
Ich denke, die meisten können sich an ihre frühe Kindheit kaum noch erinnern … mir geht’s da leider nicht anders.
Der Schmetterlingseffekt
Vor meiner Einschulung haben sich meine Eltern getrennt, was so ziemlich alles in meinem gewohnt schönen Leben durcheinander brachte. Meine Eltern haben sich letztendlich scheiden lassen. An Wochenenden habe ich meine Mutter, welche ausgezogen war, immer wieder mal besucht. Unsere Grosseltern väterlicherseits halfen sehr bei der Betreuung, insbesondere unsere Oma, von uns Ommi genannt. Ich bin sehr dankbar für all die Liebe, die sie uns gegeben haben. Sie waren uns und vor allem meinem Vater eine grosse Stütze!
Der ganze Zoff um die Trennung führte dazu, dass ich nicht mehr zum Fussball gehen konnte. Ich verlor auch nach und nach meine alten Freunde, wodurch ich u.a. viel Zeit zu Hause mit meinen Spielsachen und Hörkassetten verbrachte. Leider konnte ich kaum noch die alten Freundschaften wieder aufbauen, da sich die Interessen dann auch in andere Richtungen entwickelten.
Zu meinen grössten Freuden zählten die Reisen und Ausflüge mit meinem Vater und unserem VW-Bus, einem T3 mit aufklappbarem Dach. So war für mich die Pfingstzeit immer ein ganz besonderer Moment, da wir uns alljährlich mit anderen christlichen Familien auf der Anlage Patmos bei/in Siegen trafen und eine wundervolle Zeit zusammen verbrachten. Daran hat auch meine Tante mit ihrer Familie teilgenommen, sie und ihre Familie sind ebenfalls ein wichtiger Teil meiner Kindheit gewesen. Die Highlights waren immer Capture the Flag, ein Geländespiel, und natürlich der gemeinsame Event-Abend gegen Ende der gemeinsamen Zeit, bei dem sich verschiedene Gruppen immer etwas Besonderes haben einfallen lassen. Vor oder nach dieser Zeit besuchten wir noch die Schwester von Ommi, von uns Kindern immer Lolli genannt, und ihren Mann. Ich habe sie immer sehr gerne besucht. Das mag einerseits an all dem leckeren Essen liegen, dass Lolli uns immer in verschiedensten Variationen servierte, aber genau damit zeigte sie immer sehr ihre Liebe. Sie war ein wundervoller Mensch!
Mobbing
Ich kann nicht wirklich behaupten in meiner frühen Jugend einen wirklichen Freund gehabt zu haben. Sie war leider geprägt von Mobbing in der Schule und Isolation zu Hause. Während ich privat meine Zeit inzwischen vor dem Fernseher oder Gameboy verbrachte und sehr an Gewicht zunahm, habe ich in der Schule versucht mich stets anzuschliessen, wurde jedoch nicht wirklich akzeptiert. Da ich über Jahre kaum etwas anderes kannte, habe ich dann leider auch die Chance genutzt und mitgemacht, wenn mal ausnahmsweise jemand anderes im Fokus des Mobbings war. Mobbing ist eine hässliche Sache.
Ich besuchte ab und zu den Gottesdienst der Kreuzkirche in Oldenburg und nahm dort am Gemeindeunterricht teil. Damals waren die Pastoren erstaunt, dass ich freiwillig ein weiteres Jahr am diesem teilnehmen wollte. Was ich niemanden erzählt habe: Ich sah es als Möglichkeit an meinem tristen Alltag zu entfliehen, da mir vor allem der alljährliche Ausflug sehr gut gefallen hat … wie ironisch, dass ich im zusätzlichen Jahr dann nicht daran teilgenommen habe. Ich weiss auch nicht mehr wieso. In der gleichen Gemeinde besuchte ich ausserdem die Teeny-Gruppe, diese bot mir erst recht eine angenehme Abwechslung mit sympathischen Kids.
Ein Silberstreif am Horizont
Nach der Teeny-Gruppe folgte die Jugend-Gruppe. Ich freundete mich immer mehr mit jemanden an, den ich schon aus der Teeny-Gruppe kannte und wir verabredeten uns immer wieder an Wochenenden oder verliessen den Gottesdienst, um was anderes zu machen. Auch mit anderen aus der Gruppe habe ich mich gut verstanden und ich genoss die gemeinsame Zeit. Vor allem die Ferien in Schweden mit einigen Familien der Gemeinde war etwas ganz besonderes für mich, einmal haben wir sogar als Jugend-Gruppe teilgenommen – mega tolle Ferien. In meinem Körper fühlte ich mich inzwischen ein bisschen wohler, da ich etwas abgenommen habe. Ich hörte sehr viel Worship, auch wenn ich die Worte, die ich gesungen habe, leider nicht so (aus)leben konnte, da mir einfach immer ein Beweis für die Existenz Gottes gefehlt hat und ich mich dadurch nie für den Weg mit Jesus entschieden habe.
Nach der erneuten Hochzeit meines Vater ging ich auf die gleiche Schule wie mein neuer Bruder. Ich sah es als Neuanfang an, musste aber feststellen, dass mir die fehlenden sozialen Kontakte in der Vergangenheit das Kennenlernen erschwerten. Es war nicht mehr ganz so schlimm wie früher, aber auch hier erfuhr ich sehr viele unschöne Momente.
Immer noch im privaten Leben stark auf Videospiele fokussiert lernte ich durch ein Internetforum zu meiner Lieblingsspielreihe meine spätere Freundin kennen. Wir trafen uns mit anderen Online-Bekanntschaften in der Schweiz zum gemeinsamen Zelten und kamen schliesslich zusammen. Wir führten zwei Jahre lange eine Fernbeziehung, in der ich immer wieder in die Schweiz geflogen bin. Diese Beziehung gab mir natürlich etwas Wunderbares und Neues für mich.
Auf in die Schweiz
Ich entschied mich spontan nach der 12. Klasse in die Schweiz zu ziehen und kam erst einmal bei meiner Freundin und ihren Eltern unter. Ich suchte mir eine Ausbildungsstelle und zog in ein Lehrlings-Studenten-Haus auf einem Berg in Winterthur, welches von einer jungen Familie geführt wurde. Ich hatte viele junge Menschen um mich herum, was für viel Spass, aber auch Chaos sorgte. Meine Beziehung hatte währendessen seine Hochs und Tiefs und ich hatte praktisch nichts mehr mit dem Thema Glauben zu tun.
Nach einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit meinem Chef und Lehrmeister bezüglich meiner Lebenssituation und dem Wunsch, mit meiner Freundin zusammenziehen zu können. Aufgrund meiner sehr guten Noten in der Berufsschule, meiner Leistung bei der Arbeit und der Tatsache, dass ich um einiges älter war als meine „Leidensgenossen“ bekam ich zum zweiten Mal einen angepassten Lehrlingsvertrag – solange ich meine Leistung oben halte, bekam ich auch mehr Lohn. Mit meiner Freundin nun zusammenlebend dachte ich, dass alles „perfekt“ ist und bleiben wird – wie naiv von mir. Wir lebten unseren Alltag in unseren schönen Wohnung ohne wirkliche Besonderheiten, aber so waren wir nunmal.
Schicksalsschlag
Mitten in meiner Lehre stürzte ich dann etwa zwei Meter rückwärts von einer Leiter runter und verstauchte mir einen Arm. Ich brach meine Arbeit ab und ging zum Arzt und schilderte ihm den Unfall. Untersucht wurde ich damals nur dort, wo ich meine Schmerzen verspürte. Dass mich nach ca. einer Woche beim Anheben einer schweren Bodenplatte die Wirbelsäule im Stich lässt, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen. Als es passierte konnte ich mich erst einmal nicht mehr richtig bewegen. Wie der restliche Tag abgelaufen ist, weiss ich gar nicht mehr …
Einfaches Ausruhen war jedenfalls nicht ausreichend, so brauchte es eine Magnetresonanztomographie. Durch das Röntgen konnte man sehen, dass meine Wirbelsäule in einem Bereich leicht verschoben ist, aber eine Operation wäre nicht nötig. Ich ging in die Physiotherapie, jedoch half dies nur temporär. Nach einem halben Jahr liess mich dann eine nicht ganz unbekannte Unfallversicherungsanstalt einfach so fallen und erklärte, dass alle Beschwerden, die nach diesem Zeitraum noch da wären, ihren Ursprung in der Vergangenheit haben müssten und sie mich nun nicht mehr unterstützen werden. Meine Firma ist dagegen vorgangen, weswegen ich einen Brief mit einer Einladung zu einem Arzt erhielt. Als ich diesen Brief am Vormittag des zweiten Tages nach Erhalt öffnete, war der Termin bereits verpasst. Ich hätte das nicht akzeptieren sollen, aber ich hatte einfach keine Lust mehr auf dieses unmenschliche Verhalten. Die Entscheidung hätte wohl anders ausgesehen, hätte ich gewusst, wie lange ich noch mit diesen Schmerzen leben müsste. Ich investierte von diesem Zeitpunkt an fast mein ganzes Lehrlingsgeld in die weiteren Therapien, bis ich es mir schliesslich nicht mehr leisten konnte.
Die restliche Lehre (ich denke, es lagen noch zweieinhalb Jahre vor mir) sah folgendermassen aus: Am Montag hatte ich immer Berufsschule. Damit fing meine Woche dann immer sehr schlecht an, denn das Sitzen machte mir die meisten Probleme mit meinem Rücken. Es ging soweit, dass ich fast immer nach der Schule nicht mehr richtig laufen konnte. Oft konnte ich gerade einmal zehn Meter laufen, bis dann meine Wirbelsäule nicht mehr wollte, ich einen extrem starken, blitzeffektartigen Schmerz verspürte und ich in die Knie zusammengesunken bin. In dieser Position verblieb ich dann etwa weitere zehn Sekunden, um mich dann wieder mühsam aufzustellen und zu wissen, dass ich das Gleiche nach weiteren zehn Metern erwarten kann. Natürlich verpasste ich hier und da meine Busse und Züge, was es nicht einfacher machte. Endlich zu Hause angekommen brauchte ich die restliche Zeit vom Tag um mich auf dem Sofa auszuruhen, denn am nächsten Morgen musste ich ja wieder parat für die Baustelle sein. Von Dienstag bis Freitag konnte ich meist ohne wirkliche Beschwerden arbeiten und bin sehr froh darüber, dass ich jeden Morgen schmerzfrei aufstehen konnte. Die Abende brauchte ich dann wieder für die Erholung. Das Wochenende nutzte ich, um mich dann wirklich zu entspannen und um mich auf die nächste Woche, vor allem auf den Montag vorzubereiten. Aufgrund dieser Schmerzen war meine Ernährung fast ausschliesslich auf schnelles und ungesundes Essen aufgebaut, weswegen ich sehr stark zugenommen habe. Ich fühlte mich immer unwohler. Hier und da kam leider auch der Gedanke an Selbstmord auf, wenn auch nur für ein paar Sekunden. Ich dachte an meine Jugend und wie ich trotz dieser Zeit immer wieder lächeln konnte. Und ich hatte ja auch noch meine Freundin und meine Familie. Nein, ich wollte mir von so einem Unfall nicht die Lebensfreude nehmen lassen!
Lehrabschluss
Ich bin Gott inzwischen so unendlich dankbar dafür, dass er mich durch die Lehre begleitet hat und ich diese abschliessen konnte. Den ersten Versuch der Lehrabschlussprüfung musste ich nach nur ein paar Minuten abbrechen, da mein Rücken nicht mehr wollte. Mir wurde dann ein Neustart in der letzten Prüfungsgruppe angeboten, welchen ich kurz davor auch absagen musste. Danach blieb mir nur noch die Nachprüfung, für welche ich selbst alles arangieren musste. Ich hatte noch sehr viel Zeit zum Lernen, aber die Hoffnung war klein. Auch wenn ich schon immer (mehr oder weniger) gut darin war kurz vor einer Prüfung zu lernen und mir alles mal eben in den Kopf zu stopfen, war dieses Vorgehen zum Lehrabschluss sicher nicht die beste Wahl. Am Sonntag stand ich gegen 6:00 auf um mich endlich für die Prüfung vorzubereiten und lernte 24h am Stück durch um anschliessend zum Prüfungsort zu fahren. Auf dem Weg erlebte ich meinen ersten und hoffentlich letzten Sekundenschlaf während dem Autofahren …
Am Prüfungsort angekommen musste ich feststellen, dass ich der einzige Lehrling war. Eigentlich hätten wir fünf sein sollen, aber der Aufseher wusste anscheinend auch nicht so genau, warum ich jetzt der einzige war. Womöglich haben alle anderen aufgegeben. Jetzt stand ich dort, völlig alleine. Niemand, mit dem ich mich austauschen könnte. Keiner, den ich mal eben fragen kann „Hey, wie war das nochmal …“. Ein sehr unangenehmes Gefühl. Aber ich war dadurch sehr fokussiert auf das, was ich konnte und lies mich nicht ablenken. Mit dem Aufseher hatte ich eine sehr nette Zeit und wir haben zusammen den Mittag verbracht. Alle Prüfer waren sehr freundlich und zeigten Verständnis für meine Lage. Während der ganzen Prüfungszeit hatte ich nur einmal einen kleinen Moment, in dem mir der Rücken Probleme bereitet hat. Ich habe mir dann einfach die Arbeit geschnappt, die ich auch im Liegen auf dem Boden durchführen konnte. Es ging zeitlich wunderbar auf. Und was ich bis heute nicht verstehe und wo ich mir sicher bin, dass mir Gott da geholfen kann: Bei einer Prüfung wusste ich eigentlich, dass ich sehr wahrscheinlich gar nichts hinbekommen könnte, da ich damit sowohl in der Praxis kaum zu tun hatte und bei den Vorbereitungen überhaupt keinen Durchblick hatte. Aber genau bei dieser Prüfung sprudelte es nur so aus mir heraus und ich hatte das Gefühl, dass das auch tatsächlich Sinn machte, was ich da sagte. Verrückt … eine Bestätigung bezüglich Richtigkeit bekam ich von den Prüfer jedoch nie.
Als ich dann voller Aufregung auf den Entscheid gewartet habe, klingelte es an der Haustür. Ich erhielt von der Postbotin einen eingeschrieben Brief und nahm ihn nervös entgegen. Nach einem nicht übersehbaren Jubel gratulierte mir die Postbotin als erstes. Ich war überglücklich, dass ich mein Fähigkeitszeugnis endlich in den Händen halten durfte … mit der Gesamtnote von 4.7 war ich mehr als zufrieden.
Umorientierung
Mir war klar, dass ich nach dem Lehrabschluss nun nicht mehr auf der Baustelle arbeiten sollte. Ich wollte und konnte aber auch nicht im Büro sitzen. Da mich diese Arbeit eh nie erfüllt hatte entschied ich mich dazu in eine komplett andere Richtung zu gehen: In den Detailhandel. Natürlich hat man es nicht gerade leicht, wenn man aus einer ganz anderen Branche kommt, wodurch ich erstmal nichts finden konnte. In der Zwischenzeit arbeitete ich im Lager meiner Lehrfirma, jedoch befristet.
Danach folgte eine längere Zeit der Arbeitslosigkeit, bis ich schliesslich an einem Intensivkurs für Verkauf teilgenommen habe. Nach einem Monat theoretische Durcharbeitung folgten drei Monate praktische Arbeit in einem beliebigen Geschäft, bei welchem wir uns bewerben mussten. Geld bekamen wir weiterhin von der Arbeitslosenkasse, weswegen die Geschäfte von der zusätzlichen Unterstützung fast nur profitieren konnten. Nachdem ich mich die drei Monate sehr gut angestellt habe, konnte man mir dennoch keine Anstellung anbieten. Man sagte mir aber ganz klar, dass ich mich zu einem späteren Zeitpunkt, wenn ich mehr über Kundenkontakt gelernt habe, gerne wieder bewerben könnte. Etwas enttäuscht akzeptierte ich das natürlich, war dann aber erst recht am Boden, als sie schon bald jemand einstellten, der dieser Arbeit nicht gewachsen war. Das hat mich dann in ein ziemliches Loch geworfen, aus dem ich nur schwer wieder herausgekommen bin. Ich entschuldigte mich bei meiner Freundin, da es keine einfache Zeit mit mir war und fragte sie, ob sie damit ein Problem hätte. Sie hatte Verständnis für meine Situation … leider war das nicht die Wahrheit.
Ihre Entscheidung …
Während meiner doch sehr langen Beziehung gab es immer wieder die gleichen Probleme, mit denen wir zu kämpfen hatten. Ich war definitiv nicht der angenehmste Partner, hätte vieles besser machen können und war auch nicht immer fair zu meiner Partnerin. Was für mich jedoch immer sehr wichtig war: eine offene und ehrliche Kommunikation, damit ich auch aus meinen Fehlern lernen kann. Dazu war sie leider nicht wirklich fähig, was sie selbst zugab. Ich kannte sie inzwischen gut genug, um durch die kleinsten Veränderungen der Mimik oder Gestik erkennen zu können, dass etwas nicht stimmt. Sätze wie „Ich liebe dich“ wirkten erzwungen und Zärtlichkeiten samt anderen Dingen wurden immer weniger bzw. fanden gar nicht mehr statt. Ich wollte jedoch immer wieder an der Beziehung festhalten, da sie mir wirklich viel bedeutet hat. Sie hatte schon früher die Beziehung mehrfach aus dem Nichts beenden wollen. Ich machte ihr jedoch jedes Mal klar, dass unschöne Phasen nichts ungewöhnliches sind und eine glücklichere Beziehung allein schon durch richtige Kommunikation möglich wäre. Trotzdessen, dass ich sie stets überzeugen konnte, hat sie diesbezüglich leider nichts dazugelernt und ich hatte somit auch Probleme meine schlechten Angewohnheiten abzulegen. In einer Beziehung hat man nunmal nie ausgelernt und nur mit einem kommunikativen Partner kommt man wirklich weiter.
Auch wenn ich inzwischen einen neuen Job hatte, wurde das Zusammenleben zunehmend merkwürdiger. Wir lebten aneinander vorbei und viel Zeit hatte sie dann auch nicht mehr aufgrund ihres Fernstudiums. Ich akzeptierte das, habe aber zwischendurch kein Verständnis dafür gehabt, dass sie sich für andere Dinge dann mehr Zeit nahm als für unsere Beziehung.
Da sie auf einer karibischen Insel einen Sprachaufenthalt machen wollte, nutzen wir die Chance zusammen Ferien machen zu können. Dies war wegen meines Rückens bisher nicht wirklich möglich. Mit starken Schmerzen brachte ich zwei Flüge mit insgesamt elf Stunden Flugzeit hinter mich und war froh, als ich mich endlich auf das Bett fallen lassen konnte. Nach nur zwei Tagen riss sie mir dann aber den Boden unter den Füssen weg, als sie mir erzählte, dass es jemand anderen in ihrem Leben gäbe und sie nun den entgültigen Schlussstrich ziehen möchte. Noch enttäuschter war ich jedoch, wie respektlos sie mit meinen Gefühlen umging. Nach fast zehn Jahren Beziehungen war es also zuende.
Auch wenn ich ihre Verschlossenheit als den Kern unserer Beziehungsprobleme sah, machte ich mir immer wieder Vorwürfe, da ich ihr ein besserer Freund hätte sein können und ärgerte mich sehr über meine Naivität, dass sie immer an meiner Seite sein wird. Eine gewisse Schuld schob ich natürlich auch dem Unfall zu, aber ich hasste mich dafür, dass ich den Unfallfolgen nicht mehr die Stirn geboten habe.
… meine Entscheidung
Nach meiner Beziehung wusste ich erst einmal nicht, wohin ich nun gehen sollte. Ich tendierte dazu, nach Deutschland zurückzugehen. Doch mein Bruder und seine Frau, welche in der Nähe wohnten und mein Vater waren der Meinung, dass ich lieber in der Schweiz bleiben sollte. Durch einen Bekannten von meinem Bruder habe ich dann erst einmal in einer christlichen WG ein Zimmer bekommen. Von dort aus wollte ich weiter schauen. Diese WG war eigentlich nur für Christen gedacht, doch schon bald merkte ich, wie gut mir das tat und erinnerte mich an meine Jugend, in der mir die Teeny- und Jugend-Gruppe so gut gefiel. Ich stellte gleich am Anfang klar, dass ich kein Christ sei, mich jedoch für den Glauben interessiere – aufzwingen lassen wollte ich mir den Glauben nie, sah das Zusammenleben aber als Chance an den Weg mit Jesus zu gehen und ihn mehr und mehr kennenzulernen.
Nachdem ich in meinem neuen Job knallhart den Kontakt mit anderen Menschen suchen musste und so sehr intensive Erfahrungen in der Kommunikation machen konnte, habe ich mich bei der Firma, in dem ich zuvor drei Monate gratis gearbeitet hatte, auf eine freie Stelle beworben. Da sie dringend jemanden brauchten, ich schon Erfahrung hatte und auch in der gleichen Woche anfangen konnte, bekam ich die Stelle. Was für eine Freude!
Ich besuchte mit einem meiner Mitbewohner einen Alphalive-Kurs und wir waren gerade als Abschluss zusammen im Schwarzwald, eine coole Zeit. Doch sie war auch der Anfang vom Ende einer Freundschaft. Nach der Beantwortung der Frage, wo ich mich gerade befinden würde, folgten Mitleid und Spott von meinem Freund. Ich wusste, wie er zum Thema Glaube steht und habe ihn deswegen auch stets in Ruhe gelassen. Ich bin der Meinung, dass man niemanden den Glauben aufzwingen sollte und wenn jemand davon nichts hören will, dann akzeptiere ich das auch. Ich habe von ihm lediglich Toleranz erwartet.
Er lud mich bald darauf zu sich ein, aber auf meine Bitte, zuerst mit ihm in aller Ruhe über das zu reden, was er über meinen Glauben und vor allem über meine Mitbewohner gesagt hat, wollte er nicht eingehen. Ich erzählte ihm, wie wichtig mir das sei und ich mich nicht einfach so treffen möchte, ehe er nicht dazu bereit ist das zu bereinigen. Da er mir klar entgegnete, dass es niemals so ein Gespräch geben würde, habe ich mich dazu entschlossen diese Freundschaft aufzugeben. Das fiel mir extrem schwer.
Gespräch zu Gott
Auch innerhalb der WG hatte ich zu kämpfen. Aufgrund gewisser Vorkommnisse mit einer Person stellte ich mir die Frage, wie sich jemand Christ nennen kann und darf, der scheinbar gar nicht so lebt und jemand wie ich, der schon so lange an Gott glauben möchte, sich einfach nicht überzeugen lassen kann. Mein Vater sagte mir, dass er davon überzeugt wäre, dass Gott denjenigen, der ihn wirklich sucht, jedoch nie findet bzw. erkennt, nicht fallen lassen wird. Daraufhin unterhielt ich mich dann noch mit zwei Mitbewohnern über mein Problem. „So, wie du lebst und nach Gott suchst, bist du mehr Christ als er“ erhielt ich als Ermutigung. Ich erhielt ausserdem den Tipp mich nicht auf diese Person zu konzentrieren und ihn nicht als Mass zu nehmen. Es geht in erster Linie um „meine“ Beziehung zu Gott. Ich sollte auch mal all meinen Frust bei Gott rauslassen – einfach mal sich etwa eine Stunde Zeit nehmen und ihm meine Fragen und Enttäuschungen offen auslegen und dies sogar aufschreiben. Das war etwas Neues und Ungewohntes für mich.
Nach dieser Stunde des Ausschüttens war es schon recht spät. Ich war völlig fertig und verliess mein Zimmer. Ich ging runter ins Wohnzimmer und setze mich in einen Sessel … ich sass einfach nur so da, als ich plötzlich einfach so zu lächeln und strahlen begann, wie ein kleines Kind. Ich spürte diese innere Zufriedenheit, dass ich mir um nichts Sorgen machen müsste. Einfach so. Mein Frust war komplett weggeblasen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich wirklich sagen konnte „Ja, dich gibt es!“.
Inzwischen bin ich sehr froh, dass meine Beziehung ein Ende gefunden hat. Ich hätte wohl immer weiter für diese gekämpft, doch so wäre ich sicher nicht auf diesen viel besseren Pfad geraten. Ich konnte viel dazu lernen und habe mit dieser Beziehung abgeschlossen. Auch bin ich mega dankbar dafür, dass mir bei diesem Leitersturz nichts schlimmeres zugestossen ist und dass ich seitdem viel besser mit meinen Schmerzen umgehen kann. Ich kann diesem Schmerz sogar mit einem Lächeln entgegenwirken! Ich wurde als Strahlemann auf diese Welt gesetzt und diese Gabe durch Gott hat mich durch diese schwere Zeit gebracht, davon bin ich überzeugt. Gott weiss besser als jeder andere, was gut für uns ist. Jedes noch so schlimmes Ereignis kann zu einem wunderbaren Segen führen! Ich bin zuversichtlich, dass ich eines Tages komplett schmerzfrei sein darf, auch wenn das erst nach meinem Tod bei unserem Vater sein sollte. Mir ist bewusst geworden, wie wichtig Zeit mit Gott ist, weswegen ich eine höhere Stelle im Beruf abgelehnt habe und lieber teilzeit arbeite.
„The New Life“
